Paris Hilton und die Bier Dose
Die Franzosen würden sagen: “…si l‘erotism c‘est l‘art de l‘amour, la pornographie en y est la realité…”
Sind alle Französinnen notgeile Weibsbilder und alle Franzosen schwanzgesteuerte Böcke? Die – der Himmel stehe uns bei – auch noch zum Exhibitionismus neigen, ohne dabei rot zu werden. Hatten die Franzosen nicht auch noch diesen Marquis de Sade, der uns – zwar nicht dem Massengeschmack entsprechende – aber dennoch pornographische Literatur und eine Fülle bildhafter Darstellungen davon, hinterlassen hat?
Und ist die französische Neuzeit nicht nach wie vor wenig verkrampft im Umgang mit schlüpfrigen Sujets und der grossen Geste? So wird kolportiert, dass die französische “Première Dame” – auch Poli genannt – an einem Anlass geäussert haben soll, sie fände einen Mann mit Atombomben – gemeint war Monsieur le Président chéri – total erotisch.
Und hier zu Lande? Versuchen wir Mal folgende Übung: Wie würde wohl bei den meisten Schweizerinnen und Schweizern eine – natürlich nie gemachte – Äusserung der Ehefrau unseres Verkehrsminister ankommen, die etwa so lauten könnte: Gred: “…ich finde meinen Moritz Kater zum Knuddeln, weil er bald mit schweren Zügen in den längsten Tunnel der Welt ein- und ausfahren darf…?”
Die Franzosen scheinen lockerer an die Sache ranzugehen und bewahren sich dabei eine flockige Gelassenheit, hier zu Lande gehen wir etwas verkeilter an die Dinge ran, was uns möglicherweise trockener Träumen, aber vielleicht auch früher älter aussehen lässt.
Gut, im Vergleich mit den protestantischen Norwegerinnen und Norwegern – Sexshops finden sich dort zu Lande so wenig, wie der freie Zugang zu Alkoholika – sind wir frivol. Da sind wir schon eher wie die Brasilianerinnen und Brasilianern – die aktuell einen Teenager-Feuchttraum Bier-Werbespot mit Paris Hilton aus dem Verkehr gezogen haben. Erinnern wir uns: Hier zu Lande konnten wir – so lange ist es nicht her – den hübschen Verehrtesten einer Miss Schweiz – züchtig in eine Jeans gepackt – bestaunen. Das ging natürlich auch nicht, weil: freuenfeindlich, Männer-Fantasie bedienend und jugend-verderbend.
Bei den “Erwachsenen und Besorgten”, schnellen sofort sittenstrenge Äusserungen hoch, werden die “Anderen” der Versauung der Jugend beschuldigt, die deregulierte Wirtschaft als der Treiber solchen Tuns verflucht.
Was möglicherweise stimmt, ist, dass die Jugend (den Begriff “die Jugendlichen” vermeide ich mit Absicht), einen durch Neugier getriebenen und weniger verkorksten Umgang mit pornographischen Erzeugnissen haben kann. Dass sie dabei unter Umständen strafrechtliche Räume betreten, wissen sie nicht, weil: es sagt ihnen kaum ein Erwachsener, das es so sein kann.
Die ganze Diskussion wird dann ulkig, wenn man sich im Netz auf die Suche danach macht, was alles an pornographischen Contents – schwellenlos – erreichbar ist. Auf Portalen sind pornographische Darstellungen kostenlos, mit zwei-, drei Clicks da. Und: Kreisch! Dank der Medien-Demokratisierung kann jeder sein Koppulations-Video hochladen und seinen Nachbarinnen und Nachbaren zeigen, wie er es mit der Frau, der Geliebten, mit sich selber, einem Boyfriend oder im Rudel treibt.
Die gesellschaftlich Besorgten schreien auf, dass Frauen in der Porno-Industrie ausgebeutet werden. Diese Behauptung ist nicht durchgängig falsch, aber sie ist nicht redlich. Sie wird auch von Leuten vertreten, die die Sexworker Realität nicht wahrhaben wollen und für die selbstverständlich ist, dass – auch in entwickelten Sozial-Staaten – Sex-Arbeiterinnen ohne Arbeitslosenversicherung, ohne Rechtsschutz, ohne grundversorgende Kranken- und Unfallvesicherungen oder Altersvorsorge arbeiten tun.
Am allerbesten wirkt weggucken. Kopf in den Sand und durch.
Bloss, so schön einfach ist unsere Wirklichkeit nur in der Selbstbesänftigung. Man kann die Wirklichkeit nicht verbieten. Geht nicht. Punkt! Was Frau oder Mann, Mutter oder Vater, Tante oder Onkel tun kann, ist, sich mit der real existierenden, schwellenlos verfügbaren, kostenlos erreichbaren Darstellung des Geschlechtsaktes zwischen Frau und Mann offen und entkrampft zu beschäftigen.
Das klingt nach einem pragmatischen Rezept und beruhigt. Die Umsetzung ist nicht so einfach:
Sich schon mal Gedanken darüber gemacht, wie man selber zur Pornographie steht? Weshalb 95 % der Betrachter Männer sind und 95 % der Frauen behaupten, dass sei alles Müll? Weshalb die Männder die hirnlose Stossmaschine mimen, während die Frauen in Pornos immer endlosen Spass am öffentlichen Akt zu haben scheinen? Sich schon mal überlegt, ob Papa mit Tochter einen Porno anschaut und darüber spricht, oder Mama mit Sohn über gezeigte Sexualpraktiken? Oder die ganze Familie darüber redet – am Sonntag zum Beispiel – beim Zopf-Zmorge?
Warum wir das nicht machen?
Ist es vielleicht: Scham?
Scham kann von “sich schämen” hergeleitet werden. Und das ist jetzt bemerkenswert: Eine Gesellschaft produziert massenweise mediale Erzeugnisse „unzüchtiger Art“ – sprich Pornographie – konsumiert sie massenweise – ja, weil sonst gäbe es sie nicht – und schämt sich gleichzeitig, offen damit umzugehen.
Vielleicht hilft das eingangs gemachte Zitat zur Entkrampfung und Auflösung unserer Sprechbehinderung:
“…si l‘erotism c‘est l‘art de l‘amour, la pornographie en y est la realité…”
oder zu Deutsch:
“…wenn Erotik die kunstvolle Darstellung der Liebe ist, so ist Pornographie, wie die Liebe in der Realität aussieht…”