Politik vor die Schweine
Gestern auf persoenlich.com: Sender muss Spot gegen Fleischkonsum ausstrahlen.
Das Schweizer Fernsehen muss nach einem 16-jährigen Rechtsstreit einen Werbespot des Vereins gegen Tierfabriken (VgT) ausstrahlen. Der Film ruft dazu auf, den Fleischkonsum einzuschränken. SF hatte 1994 die Ausstrahlung des Spots abgelehnt. Es handle sich um politische Werbung, lautete die Begründung des Senders.
Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat jetzt entschieden, dass das Verbot des Schweizer Fernsehens die Meinungsäusserungsfreiheit verletzt.
Nun ist der Spot des Vereins gegen Tierfabriken so zahm wie ein Ferkel, das ab und zu einen Gaggi
deponiert. Die paar Sekunden Tierfabrik reichen kaum, um uns in den Horror eines Tiers zu versetzen, das in Massenhaltung sein Dasein fristet. Und dass wir weniger Fleisch essen sollten, ist auch nichts Neues (oder war es das 1994? Ich kann mich nicht erinnern).
Meine Frage: Weshalb ist das politische Werbung?
Die Antwort (ich habe sie selbst entdeckt): Weil der Spot unser Konsumverhalten ändern will.
Heute gilt als politisch, was konsumfeindlich oder zumindest konsumkritisch ist. Das hingegen, was konsumfreundlich oder zumindest nicht explizit konsumkritisch ist, fällt nicht in den Bereich des Politischen. Mutwillig oder aus Leichtgläubigkeit geht dabei vergessen, dass die grossen kommerziellen, privatwirtschaftlichen Unternehmen (also jene, die sich theoretisch einen Fernsehspot leisten könnten) durch alle Arten von PR, Lobbying, Werbung und anderen Gehirnaufweichern die Realpolitik nicht nur prägen, sondern weitgehend steuern.
(Remember Foucault: Was ist Kritik? «Die Kunst nicht regiert zu werden bzw. die Kunst nicht auf diese Weise und um diesen Preis regiert zu werden.»[1])
Nun ist die Auffassung, dass Konsumkritik politisch ist, sehr nahe an jener des französischen Meisterdenkers Alain Badiou. Politik kann nur dann stattfinden, wenn sie sich ausserhalb der Gesetze bewegt (auch der Gesetze der Gewohnheit, und der Markt ist das mächtigste Gesetz der Gewohnheit).[2] Gleichzeitig muss Politik emanzipatorisch sein (weshalb die Minarett-Abstimmung nicht Politik war).
Das bedeutet freilich, dass die Parteipolitik, wie sie in den kapitalistischen Demokratien stattfindet, nicht in den Bereich des Politischen gehört.[3] Badiou fragt: «Sobald alle Welt die kapitalistische Ordnung, die Marktwirtschaft und die repräsentative Demokratie als ebenso objektive und universale Gegebenheiten wie die Schwerkraft und sogar noch mehr akzeptiert, warum an der Fiktion von opponierenden Parteien festhalten?»[4,5] Man darf es zuspitzen: Warum an der Fiktion der institutionalisierten Politik festhalten?
Wie dem auch ist: Der Entscheid des Europäischen Gerichtshofs hat für den VgT-Spot im Schweizer Fernsehen eine dramatische Wende gebracht. Der Gerichtshof hat gesprochen, dass der Spot rechtens ist. Und da er rechtens ist, ist er nicht mehr politisch. Und da er nicht mehr politisch ist, kann das Schweizer Fernsehen ihn mit gutem Gewissen ausstrahlen.
Soweit so gut. Zum Abschluss etwas Denksport:
1) Wenn der Gerichtshof befunden hat, dass das Schweizer Fernsehen die Meinungsäusserungsfreiheit auf unrechtmässige Weise beschnitten hat, dann steht SF ausserhalb des Gesetzes.
2) Wenn SF sich ausserhalb des Gesetzes befindet UND eine emanzipatorische Aufgabe wahrnimmt (RTVG Art. 24), dann betreibt es Politik.
Die Frage: Wenn SF politisch ist, wer bleibt dann noch übrig, um den Spot mit den glücklichen und traurigen Schweinen auszustrahlen?
—
Verweise
[1] Michel Foucault, Was ist Kritik? Merve, 1992. S. 12.
[2] Das steht so oder ähnlich in Über Metapolitik (Diaphanes, 2003), und/oder Ethik (Turia+Kant, 2003) und/oder Wofür steht der Name Sarkozy? (Diaphanes, 2008). Ich finde die betreffende Stelle gerade nicht.
[3] Siehe auch: Simone Weil, Anmerkungen zur generellen Abschaffung der politischen Parteien. Diaphanes, 2009.
[4] Alain Badiou, Wofür steht der Name Sarkozy? S. 33.
[5] Siehe auch die Southpark-Folge Obama’s Eleven
Guter Artikel. Aber eine Frage hätte ich noch: Wenn wir jetzt alle Möhren, Rübli und Kohlköpfe essen und wenn arme Säue endlich zu glücklichen Schweinen werden – dann ist das doch auch Konsum? Oder ist das Grünzeugs jetzt gratis und die Landwirtschaft eine entkapitalisierte Zone?
Und warum braucht’s eigentlich noch TV, wenn es Youtube, Twitter und Facebook gibt? Denn das ist die eigentliche Revolution: Die medialen Produktionsmittel liegen nun in den Händen der Vielen und die überkommende Top-Down-Kommunikation, gesteuert von ein paar wenigen, hat’s immer schwerer (mal nett und ein bisschen klarmarxistisch formuliert). Und warum kann hier eigentlich ein Baron bloggen? Oder ein Hänggi? Vor gefühlten 43 Monaten wäre das noch nicht Möglich geworden.
Fazit: Es tut sich was! Warum sich also noch lange an alten Strukturen reiben? Womit wir natürlich wieder beim Borstenvieh wären… mit dem Reiben, und so.
Noch ein kleiner Literatur-Tipp: Kjell Nordström und “Funky Business” (oder war das jetzt ein Konsum-Tipp… hm, werde mal in mich gehen
)
Mindestens in den USA ist nach dem nun “Unternehmen künftig grenzenlos Geld in den Wahlkampf pumpen dürfen” Politik endgültig ausschliesslich von der Industrie bezahltes Lobying.
http://www.ftd.de/politik/international/:parteispenden-obama-pestet-gegen-obersten-gerichtshof/50064648.html
@
Rolando Baron
Da hast du natürlich recht, Rolando. Die Reizwörter sind vermutlich “weniger” – oder in der radikalen Variante “kein”. Ich glaube, es geht auch darum, dass Empathie und ähnliche Werte (das kommt ja bei den Viechern durchaus zum Zuge, bei den Rüebli schon viel weniger) ausschliesslich von Belang sind, wenn sie sich beziffern lassen.
Interessant ist übrigens eine These von Robotikforscher Rolf Pfeifer (ich hoffe, ich verwechsle da nix): Pflanzen haben kein Bewusstsein, weil sie ihren Körper nicht durch die Welt bewegen können.
“Funky Business”: Steht dort drin, dass junge Leute heute 1000 Markennamen kennen, aber keine 20 Wildblumen? Oder war das sonstwo?
Es tut sich wirklich was, das merke ich auch – selbst wenn reaktionäre Kräfte immer wieder mal zum Rückschlag ausholen. Ich merke es beispielsweise in der leidigen Geschichte der kommerziellen nationalen und internationalen Plakatwerbung, wo sich langsam ein Paradigmenwechsel abzuzeichnen scheint, der Richtung demokratischere Strukturen und mehr Selbstbestimmung der Bevölkerung zielt.
Ach, und nochmals ein Literaturtipp zum Thema Demokratie aus der Philosophie-Ecke:
Jean-Luc Nancy, Wahrheit der Demokratie, Passagen Verlag, 2009. Bin noch nicht ganz fertig damit, aber bis jetzt ist es sehr empfehlenswert und im Vergleich zu manchen anderen Büchern von Nancy auch gut verständlich.
@
Matthias Hebsacker
Wie Noam Chomsky und viele andere darauf hingewiesen haben, bestimmen die Meinungsumfragen in den USA das Politprogramm. Wie sich die reiche republikanische Partei noch von der reichen demokratischen Partei unterscheidet, bleibt mir deshalb ein Rätsel. Vielleicht ist es der Fokus, der bei den Demokraten etwas weniger spürbar Richtung Neokonservatismus und Neoliberalismus geht. Ich glaube, es war auch Chomsky, der das System als “Einheitspartei mit zwei Flügeln” bezeichnet hat.