“Sie hören die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur”

Roger Schawinski

Radio Beromünster als damals einziger Sender der Deutschschweiz eröffnete seine Nachrichten immer mit dem Satz “Sie hören die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur.” Diese deklarierte Fremdbestimmung beim wichtigsten Informationsgefäss des Staatssenders verschwand erst, als die SRG begann, eigene News-Journalisten anzuheuern. Heute gibt es in der entsprechenden Abteilung über 250 davon.  Vielleicht ist dies etwas gar reichlich, aber es ist immerhin ein publizistischer Mehrwert gegenüber früher. Doch die alten Zeiten kehren zurück, zwar nicht in der finanziell  komfortabel alimentierten SRG, aber in der um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfenden Tagespresse.

So verkündet nun die “Berner Zeitung” ohne die geringste Schamröte im Journalistengesicht, dass man ab nächstem Jahr die Auslandseiten komplett von – ja, richtig geraten -  der selbst an einer kontinuierlichen Auszehrung leidenden Schweizerischen Depeschenagentur anliefern lässt. Natürlich durfte der Nachsatz nicht fehlen, dass man sich dafür vermehrt auf die Kernkompetenz im regionalen Bereich konzentrieren wolle, und dass sich der Stellenabbau in engen Grenzen halten würde. Damit ist die redaktionelle Sparschraube in einen Bereich vorgedrungen, der bis vor kurzem als unerreichbar galt. Früher war die Auslandsberichterstattung die klare Paradedisziplin der seriösen Presse. Zwar hat der journalistische Ausblick über den eigenen Gartenzaun hinaus laufend an Attraktivität verloren. Nur noch die NZZ setzt Themen aus dem Ausland konsequent auf die wichtigen ersten Seiten und füllt damit meist auch die Titelseite.

Aber der jüngste Schritt der “Berner Zeitung” ist ausser bei der Spezies der Gratisblätter bisher ohne Beispiel, wird aber ohne Zweifel bald freudige Nachahmer finden. Weshalb eigentlich nur die Auslandnachrichten direkt und per Hauslieferung von der SDA? Könnte man dieses Modell nicht auch auf andere Ressorts ausweiten? Man würde die Manager und ihre hochkarätigen Berater und Controller brutal unterschätzen, wenn man glauben würde, dass ihnen nicht noch weitere solcher unkreativer Rotstrichaktionen einfallen könnten. Das ist ihr Job, und den machen sie gut. Als Geschäftsführer von Sat.1 habe ich zur Genüge erlebt, wie die unausweichliche Logik solcher Massnahmen mittels Powerpoint-Orgien quasi wissenschaftlich erklärt werden kann. All dies ist scheinbar unaufhaltsam. Und damit kommen wir bei der ehemaligen Qualitätspresse auf ihrer rasanten Reise Richtung Beliebigkeit -  bis hin zu den bereits vor Urzeiten scheinbar ad acta gelegten “Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur” -  ein weiteres grosses Stück näher.

Roger Schawinski
Mittwoch, 16. Dezember 2009 um 16:34 Uhr
  • Roberto
    Dez 16th, 2009 um 19:07 Uhr | #1

    Medienvielfalt…
    Demokraturen haben doch immer die gleichen (gelenkten) Informationslieferanten…
    Mit SDA ist wenigstens die Herkunft und die politische Ausrichtung deklariert.
    Das Ablauf-”data” müsste allerdings etwa 1989 gewesen sein!

  • cjwalther
    Dez 17th, 2009 um 01:17 Uhr | #2

    @Roberto: Richtig, Nachrichtenagenturen, zumal solche nationalen Zuschnitts, sind längst ein Auslaufmodell. Seit 1989 ist die politische Gleichschaltungsfunktion passé und seit etwa 1999 auch die technische, da mit der Verbreitung des Internet die genossenschaftliche Nutzung ehemals teurer Fernmeldeverbindungen hinfällig geworden ist. Mit der andauernden Wirtschafts- und Strukturkrise werden Verleger nun gezwungen, solch überkomme Zöpfe abzuschneiden. Denn längst könnten sie die Mittel des Internet nutzen, um ein Newssubstrat weit kostengünstiger und zum Marktwert herzustellen.

    Der Versuch, sich in die Zeitungsseitenproduktion vorzuwagen, ist unter diesen Vorzeichen vorab als Verzweiflungstat zu sehen. Denn aus der eigenen Geschichte sollte die Depeschenagenur wissen, dass das schon einmal in die Hose gegangen ist. Das Experiment hiess in den 1970er Jahren ‘Fernsatz’ und scheiterte damals in einer ungleich vielfältigeren Medienlandschaft, als die Agenturen noch als einzige über Telekommunikationsnetze unter ihren Kunden verfügten.

    Heute werden Mantelseiten überall im Lande angeboten, denn jeder Verlag wäre froh, die damit verbundenen Kosten breiter verteilen zu können. Dass Tamedia in Bern nicht bei all ihren Titeln für den Mantel eine Hauslösung einsetzt, ist vorderhand wohl der Rücksicht auf ihr Berner VR-Mitglied und dessen Rolle als Garant zweier verschiedener Zeitungstitel für die Hauptstadt geschuldet. Die vermissten roten Gesichter könnte dieses Manöver indes bei den übrigen Agenturkunden hervorrufen, wenn sie gewahr werden, wem sie damit helfen, eine Lösung mitzufinanzieren.

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