Warum ich gegen Werbeverbote bin

Christian Hänggi

Mir wird immer wieder unterstellt, ich würde für Werbeverbote plädieren. Doch Kritik – auch wenn es fundamentale Kritik ist – ist nicht gleich Verbot. So wie ich gegen die meisten Verbote bin, bin ich auch gegen Werbeverbote.

Die Allianz gegen Werbeverbote (bzw. Schweizer Werbung) hat eine ganze Menge Gründe aufgelistet, weshalb man gegen Werbeverbote zu sein hat. Im Namen von hehren Idealen wie der Meinungsäusserungsfreiheit wird verteufelt, wer dagegen ist, dass die Tabak- und die Alkoholindustrie werben dürfen. Die Allianz vergass mit Absicht, dass die Bundesverfassung mit der Garantie der Meinungs- und Informationsfreiheit (Art. 16) nicht die Bekanntmachung und Wieder- und Wiederbekanntmachung von Zahnpasta, Mobiltelefonieangeboten und Alcopops schützen, sondern einen Dialog unter Menschen fördern wollte, der frei ist von Zwängen. Und die Zwänge, um die es heute geht, sind in erster Linie kommerziellen Ursprungs.

Werbeverbote zielen in der Regel auf bestimmte Inhalte ab, nicht bestimmte Formen. Und wie Inhalte bewertet werden, hängt – noch mehr als bei der Form – vom Zeitgeist ab, will sagen: von Moralvorstellungen oder Modeerscheinungen. Aus meiner Sicht kein genügend guter Grund, Verbote einzuführen. Gutmenschen, die Konsumenten schützen wollen, haben sich auf einige Produkte eingeschossen und sind zufrieden, wenn man dafür nicht mehr werben darf. Derweil halten sie die Branchenverbände auf Trab, die sich auf die Diskussion einlassen und eifrig zurück schiessen. Und was wird dadurch wirklich verändert? Überhaupt nichts. Ob ein Parisienne-Plakat hängt oder nicht, hat keinerlei Auswirkungen auf die Volkswirtschaft, die Lebensqualität, den Wohlstand, die Demokratie oder den freien Markt. Die Diskussion ist keine Diskussion, die eines freiheitlichen Gesellschaftsverständnisses würdig ist – selbst wenn die Branchenverbände argumentieren, dass es um viel mehr geht, nämlich um drohende Werbeverbote für vermeintliche Dickmacher wie Cheese Burgers und Volvos und überhaupt alles in der Welt.

Die Diskussion über Werbeverbote verhindert erfolgreich, dass sich die Branchenverbände auf grundlegende Weise mit wirklichen Problemen und Herausforderungen befassen. Von diesen Herausforderungen gibt es genügend. Exemplarisch seien hier einige aufgezählt:

  • Wie müsste eine schlagkräftige und glaubwürdige Standesordnung für Werbe- und Marketingfachleute aussehen?
  • Welche gesellschaftliche Rolle hat die Werbung im halbwegs fortgeschrittenen Informationszeitalter zu spielen? Wofür hat sie Verantwortung zu tragen?
  • Was kann die Werbung beitragen, um die Demokratie wirklich demokratisch, den freien Markt wirklich frei zu machen – anstatt genau das Gegenteil zu bewirken?
  • Wie kann verhindert werden, dass die Werbung mündige Citoyens auf halbidiotische Konsumenten reduziert?
  • Wie kann verhindert werden, dass sich die Werbung an den grossen ökologischen Katastrophen der Gegenwart und Zukunft mitschuldig macht?

Das Denken in Werbeverboten fördert ein anachronistisches, kausales Denken, das die Frage der Legalität vor die Frage der Legitimation stellt. Die Werbeindustrie – zusammen mit anderen Bereichen der Wirtschaft und der Gesellschaft – muss eine Transformation durchmachen, wenn sie nicht im Industriezeitalter verharren will. Und diese Transformation lässt sich mittel- und langfristig nicht durch kleinkarierte Pipifax-Probleme vertuschen.

Wer kein Interesse hat, sich diesen Fragen zu stellen, der kann sich für den Workshop «Ist Kreativität noch möglich? Werbung und Verkauf von Spirituosen» des Verbands Schweizer Werbung anmelden. Am Freitag ab 9 Uhr im Restaurant Weisser Wind in Zürich.

PS: Mein Engagement gegen kommerzielle nationale und internationale Aussenwerbung ist nicht in der oben beschriebenen Verbotsmentalität anzusiedeln, sondern dreht sich um die Privatisierung des öffentlichen Raums und den Ausverkauf öffentlicher Ressourcen durch die Partikularinteressen weniger Unternehmen, die weder Interesse an noch Verständnis für Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens an den Tag legen.

Christian Hänggi
Mittwoch, 25. November 2009 um 09:00 Uhr
  • Seniortexter
    Nov 25th, 2009 um 23:14 Uhr | #1

    Stimmt, weltweit wird Herrn Christian Hänggi immer wieder vorgeworfen, er würde für Werbeverbote plädieren. Gut, dass dieses Missverständnis endlich aufgeklärt werden konnte.

  • Christian Hänggi
    Nov 26th, 2009 um 10:00 Uhr | #2

    Nein, stimmt nicht. Aus Uruguay ist ein solcher Vorwurf noch nicht an meine Adresse gelangt. Und auch die zentralafrikanischen Staaten und das südliche Italien sind klar untervertreten.

    Spass beiseite. Das ist tatsächlich etwas, das immer wieder kommt. Zuletzt von Rolando Baron (allerdings nicht als Vorwurf sondern als Frage formuliert) und mehrfach von Peter Leutenegger.

    Aber lassen Sie uns lieber über Inhalte reden. Haben Sie auch etwas inhaltlicher Art anzufügen? Oder haben Sie sich bereits für den Workshop angemeldet?

Kommentar