Memo an alle Blick-Ressortleiter strictly confidential!
So nicht! Mit grossem Format hat man nicht automatisch eine Boulevard-Zeitung von Format. Die ersten Wochen waren ätzend. Ätzend! Also: Bitte keine weiteren Ausflüchte. Ich weiss, dass in Deutschland für Leute wie uns alles viel besser ist. Bei uns gibt es Morde ohne Ende. Bei uns werden laufend Babyleichen ausgebuddelt, Hartz-IV-Empfänger verarscht und Leute wegen einer einzigen Frikadelle entlassen. Bei uns gibt es Guido und Gysi, die Stasi und die Nazis. All dies bringt grossartige Schlagzeilen. Und in der Schweiz? Da müssen wir einen einzigen Schenkkreis- Mord während vielen Wochen immer wieder ins Blatt klatschen, weil sonst nichts Spannendes passiert. Aber irgendwann merkt auch der Dümmste, dass wir bloss noch olle Kamellen liefern. Sex & Crime ist unser Konzept. Punkt. Aber was tut man, wenn es in eurem Land weder vom einen noch vom anderen genug hat, um täglich ein Blatt wie das unsrige abzufüllen? Bei Bild kann man aus dem Vollen schöpfen. In Deutschland hat es Promis ohne Ende, vor allem vom Fernsehen. Aber die Schweiz mit ihrem unaussprechlichen SF ist ja unergiebiger als Burkina Faso. Hier ist man als Boulevard- Journalist so total am Arsch, dass man sogar ein sprachloses Moneygirl mehrfach featuren muss.
Und sonst? Immer wieder Melanie Winiger und Stress – vollkommen öde. Bei Bild haben wir den Boris, die Sandy, den Pocher, Dieter Bohlen, die Ferres, den Otti und viele mehr. Die liefern gerne Skandalgeschichten, damit sie es wieder einmal auf die Eins schaffen. Eine Hand wäscht die andere – genau so muss das laufen! Wer spricht eigentlich mit Kilchsperger? Selbst die Politiker stehen Schlange, angefangen bei der Merkel. Und in der Schweiz? Da werden die Ex-Missen zu Promis gehypt, obwohl die allesamt mau sind! Ich will endlich echte Promis mit echten Skandalen! Nur mit einer Anna Maier und ihrem auffälligen Partnerwechsel füllen wir unsere Zeitung nicht. Und dann die Party- Bilder! Eine Boulevard-Zeitung sollte Sex- Appeal ausstrahlen, und was zeigen wir? Immer wieder Arthur Cohn und Jürg Marquard. Dröge, dröge, dröge! Wir brauchen Aufreger, Skandale wie damals die Borer-Sache. Das war Boulevard-Journalismus, wie ich ihn verstehe. Und beinahe wären wir damit durchgekommen, wenn nur der Borer und seine zickige Frau nicht völlig ausgerastet wären. Aber heute bin ich hier der Chef, und das war mein helvetisches Gesellenstück (hehe!). Also: Normale Schweizer lassen sich von uns locker in die Pfanne hauen, ohne gleich durchzudrehen. Niemand kann mir weismachen, dass die Schweiz ein Land der Tugendbolde ist. Hier gibt es genauso viele Päderasten und Fremdgänger wie bei uns. Und wenn jemand nicht prominent ist, dann schreiben wir ihn einfach zum Prominenten hoch! Unser Job ist es nur, diese Typen zu finden. Früher habe ich dies als Reporter oft genug getan. Muss ich als Chef auch weiterhin selbst in die Bütt, ihr Weicheier? Also, bewegt eure Ärsche und beweist, dass dieses Land genauso verrottet, verdorben und kaputt wie das von Bild täglich präsentierte Deutschland ist, auch wenn wir hier noch ein klein wenig mehr nachhelfen müssen. Ich erwarte den nächsten ganz grossen Skandal in den nächsten zwei Wochen. Mein Auftrag ist es, die verfluchte Auflage zu pushen, alles andere ist unwichtig. Und ich bin gewohnt, meine Aufträge zu erledigen, bevor man mich erledigt. Also, los!
Euer Ralph Grosse-Bley
moin moin Ralph,
dein Peitschengeknalle kommt etwas spät, denn deine Kündigung ist schon unterschrieben und der goldene Händedruck schon neu mit Gold belegt. Ausserdem sollte man mit gutem Beispiel voran gehen. Selbst ist der Skandal.
Ansonsten noch einen schönen Arbeitstag.