Böses, böses Google!

Rolando Baron

„Wenn man uns die Kontrolle überlässt, werden wir sie nutzen. Wenn nicht, wird man uns verlieren. Dieser Grundsatz ist das oberste Gesetz des neuen Zeitalters. Bisher dachten die Mächtigen – Unternehmen, Regierungen (und die Presse Anmerkung der Redaktion) – ihnen stünde das Recht auf Kontrolle zu, und so war es auch. Aber das ist nicht mehr so. 

Mittlerweile gibt uns das Internet die Möglichkeit, mit der Welt ins Gespräch zu kommen, uns selbst zu organisieren, uns Informationen zu beschaffen und sie verbreiten, überholte Bahnen infrage zu stellen und uns das Recht auf Kontrolle zurückzuholen.“ 

Wenn nicht mehr einer redet, sondern viele.

Und genau hier liegt die Herausforderung für die Medien. Denn was das Internet gefährdet, ist die Interpretationshoheit von Journalisten – und damit die Macht der schreibenden Zunft. Das ist für die Zeitungen natürlich Schade – denn wer verliert schon gerne Macht und einen ehemals vollen Geldsäckel – aber es nützt nichts: Das ist nun mal so.

Das erstaunlich dabei: Man meint das Internet, schreibt aber Google. Man verteufelt laterale, auf Pluralität zielende Kommunikationsstrukturen, aber die grosse Haue bekommt ein einzelnes Unternehmen ab. Denn Google habe – so war hier vor wenigen Tagen zu lesen – ein „parasitäres Geschäftsmodell.“ 

Zeitungen sind Portale – Google ist es nicht.

Jetzt könnte man direkt zurückfragen, ob nicht auch Zeitungen auf einem sich fremd ernährenden Geschäftsmodell beruhen. Aber lassen wir das mal. Nur so viel: Google sammelt nicht – wie vor kurzem geschrieben – sondern ernährt sich von dem, was wir Google freiwillig geben. Und Google strukturiert nicht, sondern lässt strukturieren. Denn wir – die User und Surfer – sind es, die Website nach oben oder nach unten befördern. Die Relevanz von Inhalten bestimmen wir und eben nicht Google.

Damit hat Google den Menschen ein Tool in die Hand gegeben, unsere Welt dezentral zu ordnen: Die Weissheit der Vielen gegen die Weisheit des Einzelnen, die Intelligenz der Masse gegen das Deutungsmonopol von bezahlten Realitäts-Vorkauern – das ist Google.

Bei den ehemaligen Online-Riesen Yahoo und AOL war das übrigens anders. Aber die sind längst Geschichte. Weil sie nach überholen Regeln arbeiten, „denn sie üben Kontrolle über Inhalt und Verbreitungswege aus und bilden sich ein, man könnte Kunden, Beziehungen und Aufmerksamkeit besitzen.“ Diese Kontroll-Mechanismen kennzeichnen Portale – sowohl im World Wide Web als auch im Print. Doch Portale sind das Gegenteil von Netzwerken und Plattformen, also von Google.

Das Ende der Gutenberg-Galaxie und der kulturelle Wandel.

Irgendwie erinnert das ganze Phänomen fast schon ans ausgehende Mittelalter: an die Religion und deren Interpreten, die Priester. Denn diese Herren in dunklem Purpur hatten früher die Macht, uns Himmel und Hölle zu erklären und ihre Weltsicht zur alleingültigen Weltsicht von ganzen Gesellschaften zu machen. Sie haben Wahrheit konstruiert und nicht anderes macht auch die vierte Macht, die Presse. Doch dann kam die Aufklärung, die Menschen entdeckten ihre eigene Vernunft, jagten die Priester von den Kanzeln und schlossen die Pforten der Gotteshäuser. Dabei spielte ein Martin Luther eine bedeutende Rolle – und ein gewisser Johannes Gutenberg.

Die Gutenberg-Galaxie (damals neu, jetzt aber alt) scheint jedoch vor gewaltigen Herausforderungen zu stehen. Nur wird man diesen Herausforderungen nicht gerecht, wenn man den zugrund liegenden kulturellen Wandel ausser Acht lässt. Denn darum geht’s – in der Presselandschaft, in der Markenführung und in der Kommunikation: Um einen kulturellen Change mit all seinen sozialen und merkantilen Folgen.

Wer Neuland erobern will, muss auch neu denken.

Kulturen ändern sich und es ist das Wesen von Kultur, sich permanent neu zu erfinden. Und wie reagieren die Betroffenen meistens auf diese Herausforderungen? Sie überlegen sich, wie sie die alten Kühe weiter melken können und wie sich überkommene Rezepte in ein neues Umfeld transferieren lassen. Das kann man zwar machen, bringt aber nicht viel.

Darum noch schnell ein kurzer Blick zurück zu den Priestern. Denn die gibt’s immer noch, weil die Frage nach dem Sinn – dem grossen und allumfassenden  – uns kleinen Erdenwürmern immer unter den Nägel brennt. Allerdings tragen diese neuzeitlichen Priester keine Soutane mehr und Kanzeln brauchen sie auch nicht. Sondern sie tragen Rollkragen-Pulli und sitzen auf normalen Stühlen neben länglichen Sofas. Weil die Priester von gestern die Psychologen von heute sind.

Was das alles mit dem Journalismus zu tun hat? Nun, sehr viel. Denn Priester haben, wie die Presse, früher die Welt erklärt. Sie waren die Allwissenden und die Mittlern zwischen dem grossen Ganzen und dem kleinen, einzelnen Menschen. Ihr Deutungsansatz war dabei deduktiv. Im Gegensatz dazu die Therapeuten: Ihr Deutungsmodell ist induktiv – sie gehen vom Einzelnen aus und widmet sich dem Partiellen. Und das Partielle kennzeichnet auch die Welt der Blogs und die sozialen Netzwerke. Weiterer Change: Priester erklären. Sie sagen so ist und so nicht. Therapeuten hingegen moderieren. Sie erklären nicht, sondern fragen. Sie sagen nicht, wie es ist, sondern wie es sein könnte.

 Es gibt immer Alternativen – hier man ein klitzekleiner Anfang.

Und das wäre die auch eine Chance für Journalisten: Wenn sich Journalisten (die dann vielleicht Knowledge-Coach heissen würden) nicht als Erschaffer von Wissen verstehen würden. Sondern als Vermittlern von Wissen. Wenn Sie nicht in zentralisierten Strukturen denken würden. Sondern in facettenreichen Rhizomen. Wenn sie nicht erklären würden. Sondern moderieren.

Short cut und Ende – zumindest hier.

So – und jetzt mache ich das, was man angeblich manchen soll, wenn’s am meistens Spass macht. Ich höre auf. Denn erstens bin ich kein Journalist und fühle mich völlig frei von jeglicher Bringschuld. Und zweitens: Die letzten Zeilen sind sehr skizzenhaft und nur angedacht. Aber ich merke schon, wie hier langsam konkrete Ideen entstehen. Wie sich neue Wege auftun und wie man aus dem abstrakten Wortgewitter vielleicht noch ganz andere, sehr reale Ansätze ergeben. Doch die hier einfach Preis zu geben… nee, dazu ist mir mein Bankkonto zu dünn und mein Brain zu wertvoll.

Also, liebe Zukunftsinteressierte, wenn ihr mehr wissen wollt, einfach anrufen. Dann könnte man zusammen (und genauso partizipativ, wie es auf dem Web 2.0 nun mal Usus ist), neue Wege andenken.

Aber ich befürchte schon: Die einen werden weiter jammern. Andere fleissig motzen. Und die Dritten werden vielleicht einfach nur beten (soll ja nützen, sagen zumindest die Priester).

(Die Zitate sind vom Medienexperten Jeff Jarvis und wurden – parasitär – aus dem Buch „Was würde Google tun?“ abgeschrieben.)

 

Rolando Baron
Mittwoch, 23. September 2009 um 23:52 Uhr
  • Roger
    Sep 24th, 2009 um 10:51 Uhr | #1

    Was ja Google News nicht von Netznetz und Co. unterscheidt: Die Selektion, was wirklich on top zu sein hat, ist immer subjektiv. So werden sich vielleicht vermehrt Selektionsportale bilden, die jeweils für eine klar abgegrenzte Zielgruppe die für sie relevanten Informationen bündeln, ergänzen, verbinden, vielleicht gar verifizieren. Und damit unterscheidet sich deren Aufgabe nicht sehr stark von der Aufgabe der heutigen Zeitungen, die ja auch jeweils regional oder ideologisch eine bestimmte Zielgruppe ansprechen wollen. Einfach eine wesentlich grössere Zielgruppe und darum schwerer fassbare.
    Diese Portale werden dann im Wettbewerb stehen zu automatisch selektionierenden Portalen, quasi subjekt-bezogene Auswahldienste, die nach dem Amazon-Prinzip arbeiten. Also etwa ein Last.fm für News.

  • Sep 24th, 2009 um 11:07 Uhr | #2

    Der Weg von den Priestern zu den Psychologen war ein langer, hoffen wir dass es im Medienbereich schneller geht!
    Immerhin betont auch Clay Shirky, dass der Übergang länger dauern könnte als wir es uns heute vorstellen.

    Den hier skizzierten Ansatz halte ich für sehr gut, denn er birgt auch einen Ansatz für die Monetarisierung: Nachrichten gibt es überall kostenlos (auf Blogs, Portalseiten, bei den “ehemaligen” Zeitungen…), während die Ebene der “Vermittlung” (im Sinne von Erklärung, Aggregation, Bezüge herstellen…) durchaus nicht kostenlos sein muss.

  • peter
    Sep 24th, 2009 um 17:20 Uhr | #3

    Was für ein selbstgerechtes Geschwurbel. Skizzierter Ansatz… wo? Analyse… wo? Gate-Keeper Funktion ist das entscheidende… wird immer wichtiger werden. Ob das etablierte Zeitungen oder sonst wer ist… automatisierte Listen bringen da nur für ganz interessierte was. Bevor man gross auftrumpft… sollte man nicht skizzieren, sondern denken. Web 2.0 ist schon cool… leider wirds häufig verstopft durch mässig gedacht Skizzen… sie liefern das perfekte Beispiel.

  • Christian Hänggi
    Sep 24th, 2009 um 18:43 Uhr | #4

    Sind es nicht die Psychoanalytiker, die neben länglichen Couchs sitzen? Die Psychologen sitzen doch an einem Tisch. Dachte ich jedenfalls.

    Apropos Priester, interessant ist, dass Marshall McLuhan, der Denker des Global Village und der Autor der Gutenberg Galaxy, ein Katholik war. “The worst kind: a converted one.” wie es so oder ähnlich in einem seiner Bücher heisst.

    Besten Dank jedenfalls für den Beitrag. Ich teile Rogers Bemerkung zur Selektion, die – wenn menschengemacht – subjektiv ist, ob nun in einem hierarchischen oder rhizomatischen Selbstverständnis. Und so vernetzt die Realität ist, die Google abbildet, wer es nicht auf die ersten Plätze schafft, existiert nicht.

    Gleichzeitig ist es nicht so, dass Google ausschliesslich freiwillig zur Verfügung gestellte Inhalte indiziert, denn man kann nicht überall mitbestimmen oder im Voraus kontrollieren, was in der robot.txt-Datei steht.
    Ausserdem kopiert Google manchmal Inhalte (z.B. aus .doc, .xls oder .pdf) und legt sie im HTML-Format auf Google-Servern ab. Löscht man die Originaldatei, dann kann es immer noch Monate dauern, bis Google die kopierten Inhalte löscht. In der Zwischenzeit können die Spambots sich daran genüsslich tun.

    Aber das sind nur lang gewordene Randbemerkungen. Ich teile ja grundsätzlich deine Einschätzung.

  • Rabon Rabney
    Sep 25th, 2009 um 16:14 Uhr | #5

    peter :
    Was für ein selbstgerechtes Geschwurbel. Skizzierter Ansatz… wo? Analyse… wo? Gate-Keeper Funktion ist das entscheidende… wird immer wichtiger werden. Ob das etablierte Zeitungen oder sonst wer ist… automatisierte Listen bringen da nur für ganz interessierte was. Bevor man gross auftrumpft… sollte man nicht skizzieren, sondern denken. Web 2.0 ist schon cool… leider wirds häufig verstopft durch mässig gedacht Skizzen… sie liefern das perfekte Beispiel.

    Zwerg Baron schreibt über den Giganten Google. Möchtegern Barney schreibt über das Monster Hitler. Pseudo Hänggi schreibt über das Phänomen Aussenwerbung. Ich teile die Ansicht: selbstgerechtes Geschwurbel und dumm bis zur Lächerlichkeit.

  • Joyce
    Sep 26th, 2009 um 13:04 Uhr | #6

    Das können Sie doch nicht wirklich ernst meinen, oder? Die Relevanz von Inhalten und damit die Positionierung in den Suchergebnissen bestimmt nicht der Nutzer, sondern die Summe, die für Suchmaschinenmarketing ausgegeben wird. Das ist nur ein Gedanke von vielen, die mir bei diesem Artikel kamen. Gut, dass Sie geschrieben haben, dass es sich nur um Skizzen handelt, sonst hätte ich mich noch mehr aufgeregt.

  • Christian Hänggi
    Sep 26th, 2009 um 13:59 Uhr | #7

    Das stimmt so nicht. Die wichtigsten Punkte für ein brauchbares Google-Rating sind öffentlich und kostenlos zugänglich – und einfach zu implementieren.

    Bezahlte Inlinks von Seiten mit hohem Page Rank dürften etwas Geld kosten und eine konsequente Verlinkung mit relevanten anderen Websites kostet Zeit.

    Durch Klicken oder Nichtklicken (bzw. Verlinken oder Nichtverlinken) trägt der Nutzer sein Scherflein zum Ranking bei, so wie man im Supermarkt durch Kauf oder Nichtkauf ein klein wenig dazu beiträgt, ob das Produkt weiterhin im Sortiment bleibt.

  • Joyce
    Sep 27th, 2009 um 17:02 Uhr | #8

    @Christian Hänggi
    Ich rede nicht von den Anzeigen, ich rede von der Platzierung in den normalen Suchergebnissen. Was meinen Sie denn, was alle dir Firmen tun, die Suchmaschinenmarketing verkaufen? Die schalten doch nicht nur Anzeigen! Sie sorgen dafür, dass all die relevanten Punkte erfüllt werden. Und bei beliebten Suchbegriffen kostet das einfach eine Menge Zeit (und damit auch Geld!). Ich habe auch keine Lust, mich hier weiter dazu zu äußern. Es gibt viele Agenturen, die eine Menge Kohle damit machen und viele Onlineshops, die hohe Summen dafür ausgeben. Tiefgehende Recherche ist alles. Dann erkundigt euch doch mal, was große Onlineshops dafür ausgeben, dann würde hier nicht so viel Mist geschrieben.

  • Seniortexter
    Sep 27th, 2009 um 18:32 Uhr | #9

    Läppischer Titel, läppischer Text. Hoffentlich schreibt schnell wieder jemand was im Blog, damit das von der Persönlich-Startseite verschwindet.

  • Christian Lüscher
    Christian Lüscher
    Sep 27th, 2009 um 20:27 Uhr | #10

    Ich fand den Titel auch nicht grad ein grosser Wurf. Aber: Baron schaffte es mit diesem Beitrag in den Bildblog. Übrigens auch Neininger. Und als ich kürzlich die Userzahlen kontrollierte, traute ich meinen Augen nicht: Der persoenlich-Blog knackte damit die 5000er-Grenze (5000 Besucher an einem Tag)! Das ist verdammt gut.

  • Seniortexter
    Sep 28th, 2009 um 08:41 Uhr | #11

    Tolle Zahlen, das muss man zugeben: Kompliment! Umso schlimmer, dass man dann die ganze Zeit das Anfängergeschwurbel von Baron-Barney-Hänggi bringt. Ich hoffe, Sie können demnächst seriösere Schreiber mit kompetenterem Hintergrund und besserem Niveau gewinnen!

  • Christian Hänggi
    Sep 28th, 2009 um 09:50 Uhr | #12

    @
    Seniortexter

    Nun ja, der Vorwurf des Anfängergeschwurbels könnte mir zusetzen, würden nicht ständig Projekte, bei denen ich für Konzept und Text verantwortlich bin, mit iF awards, Nominationen für den Designpreis Deutschland und exzellenten Bewertungen im BILANZ-Geschäftsberichte-Rating bedacht. Und würde mein Buch nicht tolle Rezensionen erhalten und an amerikanischen und kanadischen Universitäten in Literaturlisten aufgenommen.

    Aber warum werden Baron, Barney und Hänggi eigentlich immer im gleichen Atemzug genannt?

  • Sep 28th, 2009 um 16:28 Uhr | #13

    Tja, werter Christian Haenggi, diese Frage kann ich leider auch nicht beantworten. Aber sicher der Cheftexter. Dabei wollte ich nun wirklich nicht schon wieder Oel ins Feuer giessen. Aber schnell noch ein Kompliment anbringen: An den Christian Luescher. Die genannten Zahlen sind doch ein schoener Beleg dafuer, dass sich die Leute fuer den persoenlich Blog rege interessieren.Wie Howard Luck Gossage schon sagte: Der Mensch liest nur das, was ihn interessiert. Manchmal auch eine Anzeige. Oder einen Blog, gell, Christian?

  • Christian Hänggi
    Sep 29th, 2009 um 10:34 Uhr | #14

    Richtig. Talking Gossage: Wer die Neuauflage des “Book of Gossage” noch nicht gekauft hat, die Bruce Bendinger morgen vor 3 Jahren herausgegeben hat, der holt dies am besten nach. Mit CD-ROM!

    Ich habe versucht, zum 40. Jahrestag der Erstausgabe bzw. zum 20. der Zweitausgabe einen Verlag zu finden, der es erneut auf Deutsch herausgeben will, aber da war kein Interesse.

Kommentar