Facebook – eine Verordnung im lymbischen System
Der Erfolg von Facebook ist beeindruckend. Vor einem Jahr Jahr lag die Zahl der registrierten Nutzer noch bei knapp 500′000 – inzwischen haben sich über 1,6 Million Schweizerinnen und Schweizer registriert. Besonders erstaunt die intensive Nutzung: Etwa die Hälfte der User logt sich täglich für mehr als 20 Minuten ein.
Was macht Facebook erfolgreich? Eine Antwort vermag ein Blick ins menschliche Gehirn zu liefern. Genauer, in das limbische System, wo sowohl Kauf- als auch Mediennutzungsmotive stattfinden. Das in der Neurologie verwurzelte Modell verbindet Motiv- und Emotionssysteme mit Werten und kann illustrieren, was im Kopf des Users bei der Nutzung von Facebook vorgeht. Gemäss dem Konzept des limbischen Systems machen Produkte für den Kunden nur dann Sinn und Wert, wenn sie seine Motiv- und Emotionssysteme im Gehirn aktivieren. Je mehr und je stärker sie dies tun, umso höher ist der Wert eines Produktes. Kaffee beispielsweise ist weltweit ein überaus beliebtes Getränk. Ein Erfolg, der nicht nur auf seiner neurochemischen Wirkung beruht, sondern auch darauf, dass der Muntermacher viele Motiv- und Emotionssysteme aktiviert. Gleiches gilt für Facebook: Es spricht fast alle Motiv- und Emotionsysteme im limbischen System an:
Remo Prinz, Managing Partner Serranetga


Willkommen Remo!
Interessant. Ich frage mich allerdings, ob dieses Modell den Erfolg von Facebook wirklich erklärt, da man für viele weniger erfolgreiche Aktivitäten oder Institutionen dasselbe Modell auf ähnliche Weise ausfüllen könnte. Und dann gibts natürlich auch welche, die nur ganz wenige dieser Motivfelder in einer positiven Art ausfüllen können – und trotzdem hartnäckig bleiben.
Das leidige Beispiel ist wieder einmal die Aussenwerbung:
Die Individualisierung der beworbenen Produkte ist einigermassen gering (je nach Branche), Spass machts sie nicht (auch wenn es gewisse Leute geben soll, die sich darüber freuen, dass sie sich über schlechte Plakate aufregen können), sie lässt keinen Raum für Fantasie, sie ist kein Katalysator für soziale Beziehungen, ritualisiert ist höchstens ihre Nichtbeachtung und sie erfüllt keine Funktion ausser Werbung. Status-Demonstration findet nur statt in Abgrenzung zur Konkurrenz. Und das mit dem Durchsetzungs-Motivfeld verstehe ich nicht.
Vielleicht ist das der Grund, weshalb Serranetga keine Aussenwerbung verkauft…
@ Herr Hänggi
Ich frage mich, woher Ihre durchs Band destruktive Haltung der Aussenwerbung gegenüber kommt.
Klar, das Beispiel der Polizeien in Ihrem letzten Beitrag hat selbst mich amüsiert – aber Polizisten sollten sich nicht als Werber ausgeben – umgekehrt ist es ja auch strafbar.
Dass Sie aber behaupten, Aussenwerbung lasse keinen Raum für Fantasie, kann ich auch nicht im Raum stehen lassen. Wenn fehlendes Budget, faule CDs (ich spreche nicht von meinen) und Kunden ohne Cochones nur miese Kampagnen zulassen, kann die Aussenwerbung nichts dafür. Es gibt genügend Beispiele für gute Aussenwerbung – halt nur nicht unbedingt in der Schweiz. Aber anstelle immer rumzunörgeln und die Aussenwerbung verbieten zu wollen, könnte man die Energie dafür verwenden, gute Aussenwerbung zu machen. Oder was spricht dagegen?
PS: Nein, weder mein Papi noch ich arbeiten für die Plakätler – und meine letzte Plakatkampagne war auch nicht gut. Aber ich kämpfe weiter.
@
Juniortexter
Lieber Juniortexter
Meine Haltung gegenüber Aussenwerbung ist nicht destruktiv. Sie wäre kritisch-konstruktiv, wenn man genau hinhören würde.
Es spricht nichts dagegen, gute Aussenwerbung zu machen. Es spricht nie etwas dagegen, gute Arbeit zu machen. Und natürlich ist nicht das Medium “Plakat” verantwortlich für schlechten Inhalt.
Es spricht hingegen alles dagegen, unseren gemeinsamen öffentlichen Raum – und mein Blickfeld – für ein Butterbrot den Partikulärinteressen der Plakatgesellschaften zu überlassen, die das einfach als Selbstverständlichkeit hinnehmen. So lange ich von 30 Plakaten angebaggert werde, bis ich nur einmal im Tram sitze, werde ich weiterwettern.
Aber anstatt hier grosse Reden zu schwingen, verweise ich auf den Aufsatz Wie viel Werbung braucht die Stadt? Vom Reizmonopol zur Mitteilungsdemokratie. Der sollte meine “durchs Band destruktive Haltung gegenüber der Aussenwerbung” erklären.
Und dann habe ich ein ganzes Buch geschrieben, das erklärt, was mit der Werbung nicht stimmt. Manchmal brauchts eben etwas mehr Platz, als man auf ein Plakat quetschen kann.
Herr Hänggi wird von 30 Plakaten “angebaggert”, bevor er es endlich im Tram sitzen kann… Man muss sich das mal vorstellen…
Erstaunlich, nicht? Im Tram kommen weitere 40 oder so hinzu (ohne Werbung an den Haltestellen), dann steige ich im HB aus, plus – sagen wir – 40, dann im Zug nochmals 5, dann steige ich aus und bis ich beim Arbeitsplatz bin, nochmals 10. Vorsichtig geschätzt. Könnte bis zu einem Drittel mehr sein.
Macht pro Tag rund 250, pro Woche gegen 1000, pro Jahr rund 50′000 Werbebotschaften (nur auf offiziellen Plakaten!). Und ich habe noch kein einziges beworbenes Produkt gekauft. Ins Sichtfeld drängen sie sich trotzdem. Da verdient jemand mächtig Kohle mit der Gutgläubigkeit der Werbetreibenden.
Immer noch besser, als hier von schlechtem Sprachstil und kruden Ideen “angebaggert” zu werden…
Nein, ist es nicht. Hier braucht niemand reinzuschauen, wenn es ihn nervt.
Ein Vorteil bietet Online-Werbung gegenüber Aussenwerbung in jedem Fall: Die Streuverluste sind durch die Targeting-Möglichkeiten weit geringer. Hingegen ist es auch bei Online-Werbung utopisch anzunehmen – selbst wenn das Userverhalten detailliert getrackt würde –, dass Werbung freiwillig rezipiert bzw. aus Sicht der Empfänger nur noch die passende Werbung geschaltet wird.
Damit zurück zum Thema: Auch erfolgreiche Werbekonzepte auf Facebook beruhen darauf, dass die Werbebotschaften von den Usern per Feed-System in ihren Peer-Gruppen verteilt werden. Die Empfänger erhalten die Werbebotschaften somit ebenfalls nicht freiwillig. Der Vorteil liegt aber darin, dass der Empfänger mit dem Sender verbunden ist. Das erhöht die Akzeptanz, denn gute Social Community-Werbung wird von vertrauten Leuten weiterverbreitet und kommt nicht offenkundig als Werbung daher, sondern in spielerischer, interaktiver Form.
Als Werber habe ich nichts gegen Aussenwerbung. Als Online-Werber hingegen dürften die Budgets von mir aus ruhig noch mehr in Richtung Internet verlagert werden.