Kleines Plädoyer für den “Blick”
Wenn ich an den “Blick” denke, kommt mir die Zeichnung von F. K. Wächter in den Sinn, wo eine Ente den Kopfstand in einem Stiefel macht und denkt: “Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein.” “Toll”, denkt nur das kleine Schwein am Horizont, das die Ente beim Kopfstand beobachtet hat.
Der “Blick” hat in den letzten Monaten konzeptionell und inhaltlich alles auf den Kopf gestellt, die Zeitung ist nach zehn Jahren Schlingern konzeptionell wieder auf Kurs – und trotzdem kein Thema bei den Medienjournalisten. Good news are no news, muss man da denken. Ich hab’s an mir selbst erfahren. Ohne zu wissen, wer was wann entschieden hat – was der Verlag klugerweise auch nicht gross herausposaunt und mich als Leser auch nichts angeht –, habe ich unwillkürlich festgestellt, dass ich seit einigen Wochen wieder Bock auf den Blick habe. Ich frage mich jeden Morgen, was Cheibs macht wohl der Blick. Und lese ihn von A bis Z (an alternativer Lektüre fehlt es mir wahrlich nicht) und denke wie das Schweinchen: “Toll!”.
Nach näherem Hinschauen kann man die neuen Qualitäten des Blicks in drei Punkten zusammenfassen:
1. Der “Blick” ist politisch wieder neutral. Das Blatt hat sich aus der links-gewerkschaftlichen Missionarsstellung befreit. Er ist nicht mehr Kuschelraum für Sozis und Fegefeuer für Blocher & Co. Blick kann wieder mit allen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Wiederherstellung der Glaubwürdigkeit.
2. Der “Blick” geht back to the basics: Er macht jene Storys gross auf, die für ein breites Publi kum den grössten gemeinsamen E (für Emotionen) und I (für Interesse) -Nenner haben. Nur zwei Beispiele: der Geschenkkreis-Mord von Grenchen oder das Grasshoppers-Drama mit dem Pseudo-Sponsor. Blick weiss mehr, bringt mehr und bleibt dran.
3. Der “Blick” pflegt die Inszenierung, die Schlagzeilen, Bildauswahl etc. Das hat der “Blick” schon immer getan. Der grosse Unterschied zu früher liegt im Humor. Die Schlagzeilen kitzeln heute das Hirn und die Lachmuskeln und nicht den Magen oder noch weiter unten. Keine Macho-Ausrutscher mehr. Feiner Wortund Bildwitz ziehen sich durch die Titel. Diese Heiterkeit, dieser feine Humor – zwischen den Zeilen – ist das Werk ganz grosser Profis. Natürlich könnte man auch auf die Mängel hinweisen, da gäbe es noch viel nachzubessern: Politisch ist man zwar in der Mitte angelangt, aber auch belangloser geworden: keine Scoops, keine Affären, die man vor den Sonntagszeitungen hochfliegen lässt. Keine echten Polemiken. Niemand fürchtet in Bern noch die Tatzen des neuen “Blicks”.
Im Sport fehlen halt doch die schwer erziehbaren Hochbegabten wie Mario Widmer (Fussball), Josi Keel (Ski) oder Klaus Zaugg (Eishockey), die alles wussten und alles beeinflussten. Nur “Boliden-Roger” Benoit (ohne Socken) hat glücklicherweise überlebt. In der Unterhaltung (Abteilung People) herrschen auch noch zu wenig Drive und Inside-Informationen. Das Talent, Show-Figuren “skandalös” oder glamourös zu inszenieren, wo ist es geblieben? Dass Tony Rominger seine Kinder nicht zur Hochzeit lud, stand in der Glückspost. All das lässt sich noch machen. Hauptsache, die Himmelsrichtung stimmt. Wenn im Herbst noch die geplante Formatvergrösserung (zurück zum Broadsheet) dazukommt und die Ringier-Götter Marc Walder, den Architekten dieses Wandels, machen lassen, kann man nur guter Hoffnung sein.
Um die Tragweite der Veränderungen zu beurteilen, die heute sehr logisch und vernünftig anmuten, muss man dem geneigten Leser doch noch in Erinnerung rufen, wo der Blick herkommt. Nach der sehr erfolgreichen Ära Uebersax wurde das Blatt mit aller Gewalt vom Boulevard wegpositioniert. Zu einer tierisch ernsten, gewerkschaftlich- sozialdemokratischen, europafreundlichen Volkszeitung für humanistisch gebildete Lastwagenfahrer und städtische Gutmenschen umgewandelt. Dazu gehörten die demonstrative Favorisierung linker Politiker, eine permanente Blocher- Verketzerung, stures Europa-Missionieren und – Gipfel der Irrungen – ein regelrechtes “Feuilleton” (ja, so hiessen die Kulturseiten) mit Schwerpunkt Theaterpremieren am Schauspielhaus! Die zeitweise eingefügten erbaulichen Bildstrecken und volkstümlichen Reportagen (wie im Familien-Magazin) machten die Sache nicht besser. Der “Blick” war zehn Jahre lang eine wahre Geisterbahn. Jetzt ist er wieder ein ICE. Man wagt es fast nicht anzumerken: Die einzige Zeitung, die eine regelrechte Kampagne gegen die vielen Deutschen in Zürich angezettelt hatte, wird jetzt im Daily Business von einem der besten deutschen Boulevard-Spezialisten gemacht (lies: gerettet), von Ralph Grosse-Bley.
Sehr geehrter Herr Rothenbühler
Danke für Ihre schönfärberische Analyse. Hier ein paar Anmerkungen eines Gelegenheitslesers:
1. Links-gewerkschaftliche Missionarsstellung: Ich denke eher, der Blick hat sich eine Zeit lang für die kleinen Leute stark gemacht. So falsch war das nicht, denn das sind seine Leser.
2. Blick weiss nicht nur mehr, sondern schaltet sich selber als Akteur in die Skandalstorys ein: siehe der peinliche Schwank mit dem angeblichen GC-Mäzen. Der Blick hat von Anfang an gewusst, dass der angebliche 300-Millionen-Mann ein grosser Bluffer ist, aber hat Vogel & Co. rein um der Story willen dreinlaufen lassen. Den Lesern wurde ein vermeintlicher Millionen-Deal vorgegaukelt, als man auf der Redaktion längst im Bild war, wie die Kampagne weiterlaufen würde: Billig.
3. Keine Macho-Ausrutscher mehr, der feine Humor? Dass das der Trend mit dem neuen Blick sein soll, wage ich eher zu bezweifeln. Die Richtung ist eine andere: Skandal-Storys werden unter Verfälschung der Tatsachen und Missachtung der Persönlichkeitsrechte ins Blatt geboxt. Beispiel: Die Sekretärin mit ihren Nacktbildern im Internet, die dann im Blick plötzlich zur Amtsvorsteherin wurde, um daraus einen mittelwarmen Politskandal zu basteln. Dass die passwortgeschützten Bilder dann genüsslich im Blick abgedruckt werden, verschafft den Blick-Anwälten Arbeit und dem Blick ein Glaubwürdigkeitsproblem.
Vergessen wir nicht, dass der hier so überschwänglich gelobte Ralph Grosse-Bley mitverantwortlich war für die Borer-Affäre und damals von Ringier in die Wüste geschickt wurde. Nun “kehrt der Täter an den Tatort zurück” (Wochenzeitung).
Zum Glück sind selbst die Blick-Leser schlauer als viele Macher denken und antworten auf den neuen Boulevard-Kurs auf ihre Weise und mit den modernen Mitteln der Kommunikation: So wurde die Autorin des Sekretärinnen-Skandals innert Kürze im Internet mit eigenen Schmuddelbildern (nicht passwortgeschützt) enttarnt.
Da fragt sich der kritische Blog-Leser, ob Peter Rothenbühler sich mit diesem devoten Pro-Blick-Plädoyer für einen Ringier-Chefredaktoren-Posten oder einen GL-Job empfehlen möchte?
Ich denke, dass die Marke “Blick” bei vielen einen derart schlechten Ruf geniesst, dass die Zeitung sich trotz der vielen Relaunches nicht mehr wird erholen können.
Analysiert man ferner wie die Story von der “Sado-Maso-Sekretärin” entstanden ist, so löscht das einem total ab und verbessert den Ruf des Blicks sicherlich nicht.
Herr Rothenbühler, Sie sind offensichtlich leicht zufriedenzustellen. Es mag sein, dass der Blick den Marianengraben des salonsozialistischen Besserwissertums verlassen hat, aber viel höher als 10.000 Meter unter Meer ist er noch nicht aufgestiegen.
Die Story mit der sich im Internet entblösst zeigenden Sekretärin, mit der der Ringier-Code-of-Conduct verletzt wurde und der so oder so ein Fall für den Presserat ist, droht das Blatt gleich wieder in andere Untiefen abzutauchen.
Sie erkennen einen ICE statt einer Geisterbahn? Das Hirn und die Lachmuskeln kitzelnde Schlagzeilen? Marc Walder als Architekten des Wandels? Nun ja. Der ICE muss bekanntlich immer wieder wegen Bremsproblemen aus dem Verkehr gezogen werden. Ich lache wegen vielem, aber der Blick war leider in den letzten Jahren kaum je dafür verantwortlich (meinen Sie vielleicht den “Witz des Tages”?). Und Marc Walder, ein “Architekt des Wandels”? Ist nicht er der Verantwortliche für die den Ringier-Verlag wie eine Gelatin-Glibberschicht überziehende Magazinisierung?
Eine für eine Boulevardzeitung viel schlimmere Beleidigung ist eigentlich nur, “politisch wieder neutral” zu sein und es “wieder mit allen” zu können. Remember, genau das hatte Weissberg am Anfang seiner kurzen Ära versprochen. Und leider auch eingehalten. Das Resultat kennen wir. Es lautet: Gähn!
Liebe Blick-Leser,
eigentlich kann ich allen nur zustimmen. Bleiben Sie kritisch mit Blick. Er ist es auch. Natürlich ist die Story mit der SM-Sekretärin ein schwerer Ausrutscher. Natürlich ist noch nicht alles geregelt, aber die Richtung stimmt, konzeptionell wurden die richtigen Schlüsse aus der wenig gloriosen jüngeren Vergangenheit gezogen. Und das darf doch auch mal gesagt sein. Mein Plädoyer versteht sich als Stimme gegen den Strom: alle Kollegen rümpfen die Nase, wenn man Blick sagt, aber sie sollten ihn mal richtig analysieren.Einen Job suche ich sicher nicht. Ich bin sehr glücklich und habe einen sehr guten Job in Lausanne. Wissen Sie, das ist auch etwas, das die Blick-Redaktion, aber auch die Blick-Leser lernen müssen: wer etwas gut findet, ist nicht unehrlich. Wir haben den Kult der Dauerkritik zu weit getrieben, wir haben jeden, der auf einem andern rumhaut zum Helden gemacht, und wenn wir jeden, der einen Kollegen rühmt, sofort verdächtigen, gekauft zu sein oder sonstwie unrühmliche Motivationen zu haben , sinken wir genau auf das Niveau jener verunsicherten Jugendlichen, die meinen, nur ganze Kerle zu sein, wenn Sie alle mit Drohungen – und Schlägen – eindecken. Blick ist besser geworden, das darf man sagen, das muss man sagen. Und Blick musss noch besser werden. Und jetzt sage ich noch, was ich schon in meinem ersten Text sagen wollte. Ohne einen Schweizer Chefredaktor, der sich in der Politik auskennt, ein weites Beziehungsnetz hat und die Schweiz erlebt hat und mit beiden Beinen in der Schweizer Realität zu Hause ist, wird Blick dort stehenbleiben, wo er jetzt ist: Prima gemacht, prima inszeniert, aber noch zu wenig nahe an den echten Sorgen der Leute.
Herzlich
Peter Rothenbühler
“Ohne einen Schweizer Chefredaktor, der sich in der Politik auskennt, ein weites Beziehungsnetz hat und die Schweiz erlebt hat und mit beiden Beinen in der Schweizer Realität zu Hause ist…”
Trotzdem: Nach diesen Zeilen kann es nur einen geben, der als neuer Blick-Chef in Frage kommt: Peter Rothenbühler.
@Peter Rothenbühler: Unbedingt sollte man loben können, ohne gleich verdächtig zu werden. Doch die Idee, dass nun endlich “die Richtung stimmt”, kam in den letzten Jahren öfters auf – und wurde bisher nie bestätigt. Gerade gestern hatte ich die “Bild”-Zeitung in der Hand – wie viel an Eigenrecherche doch möglich ist! Und wie arm das auch nicht ganz ohne Mittel dastehende Ringier-Blatt dagegen aussieht. “Prima gemacht” sieht für mich anders aus.
Sie glauben, dass ein Schweizer Chefredaktor, der “ein weites Beziehungsnetz hat”, an die “echten Sorgen der Leute” herankommt? Im Gegenteil, genau weil er “ein weites Beziehungsnetz hat”, ist es ihm nicht möglich, jene Stories zu machen, welche die “echten Sorgen der Leute” zum Thema hätten. Natürlich ist es, gerade für einen Journalist, nie falsch, viele Leute zu kennen. Aber je mehr Beziehungen man pflegt, desto weniger fällt einem auf, dass es auch noch eine Welt ausserhalb der doch eher elitären Chefredaktoren-Kreise von Politik, Wirtschaft, Society und Medien gibt. Und je mehr Leute man kennt, desto schwieriger fällt es einem, diese oder Freunde von diesen zu kritisieren.
Das ist das Problem in der kleinen Schweiz. Die Machtzirkel stehen sich gegenseitig zu nahe. Die Aufgabe einer guten Boulevardzeitung ist es, die Mächtigen kritsch zu hinterfragen. Wer aber alle und jeden dieser Sphäre kennt, wird dieser Aufgabe, um seine Beziehungen nicht zu gefährden, kaum oder nur mit grosser Mühe gerecht werden können.
Den letzten mutigen Personalentscheid in der Schweizer Medienszene traf Peter Wanner, als er Patrik Müller zum Chef des “Sonntag” machte. Kaum im Amt, rennen ihm die grossen Verlage die Bude ein, um ihn zum Chef von einem ihrer Titel zu machen. Hätten die nicht selber draufkommen können, dass der sowas kann? Offenbar nicht. Hat Peter Wanner seinen Entscheid bisher bereut? Definitiv nicht.
Lieber Ronnie Grob,
ich kann Ihnen nur in allen Punkten zustimmen. Vor allem im letzten.
Patrik Müller ist von allen jüngeren Kollegen der Einzige, dem ich zutraue, den Blick wieder auf Vordermann zu bringen. Er hätte auch die richtigen Journalisten an der Hand.
Aber ein Patrik Müller hat eben nicht nur den grossen Lohn als Horizont.
Er ist ein Macher, er hat eine eigene Mannschaft zusammengestellt, die exzellente Ideen hat und realisiert, er hat eine Zeitung aus dem Boden gestampft, die sich im Konkurrenzkampf der Sonntagsblätter sofort eine wichtige Position erobert hat, das ist eine einmalige Leistung. Und er ist dem Mann treu, der ihm dieses riesige Chance gegeben hat. Chapeau. Patrik Müllerist jung, er kann in fünf Jahren auch Chefredaktor der NZZ werden, denke ich. Auch ein Super-Job.
Wie Sie richtig sagen, hat Peter Wanner, den ich auch bewundere, offenbar wirklich die richtige Nase. Er ist eienr der letzten grossen Verleger, der kann, was ein Verleger ganz zuerst können muss: die richtigen Leute anstellen. Er hat übrigens auch Werner de Schepper angestellt, eines der wenigen Supertalente der Branche.
Herzlich
Peter Rothenbühler
“Vor allem im letzten. Patrick Müller ist von allen jüngeren Kollegen der Einzige, dem ich zutraue, den Blick wieder auf Vordermann zu bringen.”
Ich würde eher sagen, Patrick Müller zeigt, dass es für die Altvoderen langsam an der Zeit ist von ihren Pöstchen abzutreten. Ohne Probleme könnte ich Ihnen eine Liste von 15 Schweizer Journalisten unter 40 zukommen lassen, denen ich den gleichen Biss und das gleiche Engagement zutrauen würde, wenn man sie den ranliesse.
Ihre Blick-Analyse teile ich nicht: Eine politisch orientierungslose, im schlimmsten Fall nur noch opportunistisch auf “Skandal” getrimmte Zeitung ist wohl das letzte was es auf dem Zeitungsmarkt Schweiz noch braucht.
Was es braucht sind Zeitungen, die weniger den Bückling vor dem wo auch immer vermuteten “Common Sense” machen. Gerade diesbezüglich macht imho auch der “Sonntag” nicht immer die beste Falle: Man beachte die zumeist äusserst harmlosen Bundesratsinterviews.
Der Blick ist einfach Scheisse. Ich warte auf den Augenblick, wo sie die Leute entlassen, weil der Blick zu machen muss. Ich stehe dann vor der Eingangstüre und klatsche eine Woche lang, bis die Türen geschlossen werden.