Wir, die Weicheier!

Matthias Ackeret

Hemingway zu sein, ist sehr  schwierig. Als der spanische König Juan Carlos vor einigen Tagen vor die Fernsehkameras humpelte, um sich für seine afrikanischen Eskapaden zu entschuldigen, lachte die ganze Welt. Der bis anhin respektheischende Juan Carlos wurde plötzlich zu einem König ohne Kleider. Seine weinerliche Erklärung „(Ich werde es nicht mehr tun“) gilt als neue Standartfloskel für alle Ertappten. Hemingway hingegen hätte sich zu seiner Vorliebe für die Frauen- und Elefantenjagd bekannt. Doch jetzt mit nackten Fingern auf den spanischen König zu zeigen, wäre falsch, die neue Weinerlichkeit dominiert auch den Journalismus.

Unser medialer Juan Carlos heisst Giovanni di Lorenzo, weltgewandter Chefredaktor der „Zeit.“ Vor einigen Monaten publizierte er ein Interviewbuch mit dem gestürzten deutschen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von Guttenberg. Zweifelsohne ein Scoop. Doch die Kollegen stempelten di Lorenzo zu Guttenbergs Erfüllungsgehilfen. Anstatt seine journalistische Arbeit zu verteidigen, malträtierte sich der „Zeit“-Chef zum humpelnden König. „Ich würde es nicht mehr tun,“ stammelte di Lorenzo in bester Juan-Carlos-Manier. Frage an den reuigen Chefredaktor: Dürfen Journalisten mittlerweile nur noch die Guten interviewen? Und was hat sich Giovanni di Lorenzo eigentlich vor dem Interview gedacht?

Als die Weltwoche kürzlich einen Romajungen mit Pistole auf ihr Cover setzte, hagelte es  weltweit Proteste. Das Ganze kann man zweifelsohne diskutieren. Abstrus wird es nur, wenn sich Fotograf Livio Mancini – wie in diesem Fall – von der Interpretation seines eigenen Bildes distanziert. Nur stellt sich dann die Frage: Wieso fotografiert er überhaupt einen Roma-Jungen mit Pistole? Wollte er uns damit dessen Harmlosigkeit beweisen? Noch bizarrer wird es aber, wenn sich die Bildagentur – wie in diesem Fall geschehen – rückwirkend gegen die Veröffentlichung eines ihrer Bilder wehrt. Motto: „Wir würden es nicht mehr tun.“ Dummerweise gehört es zur Kernkompetenz von Bildagenturen, ihre Bilder an  ihre Kunden, nämlich die Medien, zu verkaufen. Oder verwechselte die Bildagentur das Köppelblatt mit der Caritas-Postille? Fazit: Dass wir Journalisten auch Weicheier sind, ist bekannt. Dass wir beim ersten Gegenwind unser Handwerk leugnen, ist neu. Tröstlich für Juan Carlos: Hemingway zu werden, ist auch anderswo schwierig.

Matthias Ackeret
Donnerstag, 10. Mai 2012 um 08:54 Uhr

Mut zu weniger Pathos und Symbolik

Lea Truffer

Samuel Arandas Bild aus dem Jemen war eines von über 100’000 eingesandten Bildern und wurde von einer 19-köpfigen Jury zum World Press Siegerbild 2012 erkoren. Das Bild zeigt, wie die Mutter Fatima Al-Quaws ihren bei einer Protestaktion verletzten Sohn Said in ihren Armen hält (vgl. persoenlich.com). „Eine verschleierte Frau in einem Moment voller Intimität – so wie wir sie nur selten in den Medien zu sehen bekommen. Es ist als würden sich sämtliche Ereignisse des Arabischen Frühlings in diesem einen Moment manifestieren“, so das Jurymitglied Nina Berman. Die Jury zieht den naheliegenden Vergleich mit Michelangelos Pietà, der Darstellung Marias mit dem Leichnam des gekreuzigten Jesus. Das diesjährige Siegerbild hat für Diskussionen gesorgt: Man warf der Jury aufgrund dieses Vergleichs Blasphemie und Verblendung vor.

Sehen wir uns die Jury genauer an, fällt auf, dass gut dreiviertel der Mitglieder aus Europa und Amerika stammen. Eine Mehrheit dieser Experten sieht durch eine christlich-demokratisch geprägte Brille auf das Weltgeschehen; es liegt somit auf der Hand, dass sie den Vergleich der Pietà heranziehen.

Die Ikonografie des Christentums dominiert unsere Sichtweise auf Kultur und Politgeschehen – die Wahl des letztjährigen World Press Siegerbildes von Jodi Bieber zeigt dies nur allzu deutlich.

Ob dies gut ist oder nicht, sei dahin gestellt- was man aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass uns dieses Bild nichts über die Protestbewegung im Jemen erzählt und noch weniger über den Arabischen Frühling (sofern man überhaupt von einem Arabischen Frühling sprechen kann). Diesem Bild entnehmen wir bei blosser Betrachtung nicht mehr als das Mitgefühl einer Frau zu einem jungen Mann. Lesen wir den Text, erfahren wir, dass es sich um eine Mutter und ihren verletzten Sohn in Sanaa, Jemen handelt. Ein Akt der Nächstenliebe der von allen Menschen dieser Welt ungeachtet ihrer Religionsangehörigkeit verstanden wird.

Dieses Bild steht nicht für den Arabischen Frühling, dieses Bild erzählt uns von allen Müttern dieser Welt, die um ihre Söhne trauern.

Ich hätte mir von der diesjährigen Jury etwas mehr Mut erhofft. Mut zu weniger Pathos und Symbolik. Ein weniger gefälliges Bild, das neugierig macht auf die Geschichte dahinter. Ein World Press Siegerbild muss nicht den Schwerpunkt der Berichterstattung eines Jahres reflektieren.

Am Rande bemerkt: Fatima Al-Quaws und ihr Sohn Said haben sich sehr über die Auszeichnung dieses Bildes gefreut- sie interessieren sich nicht für die Diskussionen, die wir hier im Westen führen. Sie hoffen, dass dieses Bild hilft, die Aufmerksamkeit der Welt auf das Geschehen im Jemen zu lenken und ihnen so die nötige Unterstützung zukommt. Ich hoffe, ihr Wunsch geht in Erfüllung.

Lea Truffer ist Picture Editor bei Keystone. Sie leitet Führungen durch die derzeit in Zürich gastierende Ausstellung World Press Photo 2012.

Lea Truffer
Dienstag, 8. Mai 2012 um 08:49 Uhr

Wenn Swisscom eine neue “Heimat” sucht

Matthias Ackeret

Die Swisscom zeigt immerhin Humor: „Heimat“ heisst ihre neue Werbeagentur für das Privatkundengeschäft (persoenlich.com berichtete). Doch ausgerechnet heimatlich ist diese nicht: Die Agentur ist in Deutschland angesiedelt. Was bedeutet, dass ein Teil der Swisscom-Werbemillionen schon bald Richtung Norden fliessen wird. Man braucht nicht in den Natalie-Rickli-Chargon verfallen, um sich über diesen überraschenden Entscheid zu wundern. Selbstverständlich – und dieser Einwand ist berechtigt – herrscht freier Wettbewerb, selbstverständlich – und dies ist noch wichtiger – kann die Swisscom eigentlich völlig frei entscheiden, wem sie den Zuschlag gibt.
Deswegen ist der Swisscom-Entscheid auch kein Skandal, wie die Branche hinter verdeckter Hand murrt. Er ist aber etwas anderes: eine Frechheit – und zwar eine Grosse. Denn die Swisscom ist kein normaler Auftraggeber. Aufgepeppt mit Staatsbeteiligung und immer noch privilegiert dank ihrer Sonderstellung verkörpert sie schweizerische Identität wie nur wenig andere Unternehmen in unserem Land. Die Tatsache, dass sie die Schweiz mit der englischen Bezeichnung „Swiss“ sogar im Namen trägt, tut ihr Weiteres.

Mit der Berücksichtung einer Berliner Kreativagentur impliziert die Swisscom, was sie von der hiesigen Werbeszene hält: Nämlich sehr wenig. Wäre die Schweiz werbetechnisch ein Entwicklungsland, könnte man den Entscheid noch nachvollziehen, doch dies ist – ohne in patriotische Lobpreisung zu verfallen – nicht der Fall. Wenn schon die Swisscom nicht zur Schweizer Werbung steht, wer dann? Gibt es nicht auch ein Verantwortungsbewusstsein ausgerechnet eines solchen Auftraggebers gegenüber dem einheimischen Schaffen? Wie soll man es in Zukunft einer Schweizer Hausfrau verargen, wenn sie in Konstanz oder Waldshut einkauft? “Wir sind ein globales Unternehmen”, würden die Swisscom-Verantwortlichen sicherlich auf charmante Weise kontern, sollten sie die Interessenverbände auf den eigenwilligen Entscheid ansprechen. Im Italiengeschäft hat die Swisscom bewiesen, wie gelebte Globalität aussieht.

Matthias Ackeret
Donnerstag, 3. Mai 2012 um 08:31 Uhr

Aufmerksamkeit allein genügt noch nicht

Marcus Knill

Wie bei dem umstrittenen FDP Videoclip in Reinach kam es nun bei einem SPD “Gaga” Plakat in Nordrhein-Westfalen zu einem Medienwirbel. “Parteienwerbung ganz gaga Wurst-Wirbel um SPD-Plakat” titelte „Bild“.

Zum Sachverhalt: Per Facebook-Abstimmung haben die Sozialdemokraten ein neues Plakatmotiv ausgesucht. Die nordrhein-westfälische SPD wurde dazu aufgefordert, kreative Vorschläge für ein Wahlkampfplakat einzureichen. Eine Jury wählte dann aus den Vorschlägen fünf aus und liess  per Facebook über diese Favoriten abstimmen. 4‘497 Facebook-Nutzer entschieden sich für das Plakat mit dem sonderbaren Slogan „Currywurst ist SPD.“ Nun soll die Currywurst-SPD-Werbung tatsächlich in Druck gehen und tausendfach im ganzen Bundesland aufgehängt werden.

Der Entscheid  sorgte nachträglich für jede Menge Spott. Sogar die Vegetarier wurden auf den Plan gerufen! Diese fanden das Wurst-Plakat alles andere als lustig. Umfragen machten nachträglich bewusst, dass die Aussage des Plakates – der Gag – nicht verstanden wurde. SPD-Generalsekretär und Wahlkampfleiter Michael Groschel rechtfertigte die Aktion: „Wer sich auf das Netz einlässt, muss mit dem Ergebnis leben“. Die SPD hat etwas erreicht: Eine Menge Aufmerksamkeit. Das Plakat  ist überall im Gespräch. Zwei Studenten aus Tübingen hatten das Motiv vorgeschlagen. Als Preis dürfen sie nun  mit NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft dinieren. Ob’s da wohl Currywurst zu essen gibt? fragt die „Bild“-Redaktion.

Was ich von dieser Aktion halte: Auch bei diesem Kampfplakat erwarte ich Antworten auf die Fragen: Welches ist die Kernbotschaft? Wird sie verstanden? Was bezweckt diese Aktion? Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Profi-Werber glücklich ist, wenn sein Plakat falsch verstanden wird und seine Aktion nicht dazu beiträgt, Stimmen zu gewinnen. Ein Selbstversuch lohnt sich. Zeigen Sie in Ihrem Bekanntenkreis dieses Plakat und sammeln Sie die Reaktionen oder Antworten. Sie werden bei dieser Gaga-Aktion einmal mehr feststellen: Aufmerksamkeit wecken allein genügt leider noch nicht! In meinem Bekanntenkreis kam jedenfalls das Plakat schlecht an.

Marcus Knill
Montag, 23. April 2012 um 10:19 Uhr

«Katie Price breit wie Buddha»

Roger Schawinski

Fast alle waren sich einig: Die Blick-Berichterstattung über das grauenhafte Walliser Busunglück überschritt die Grenzen der Ethik und des Anstands. Mit dem Abdruck der aus dem Internet heruntergeladenen Bilder getöteter Kinder habe man journalistisch rote Linien überschritten, hiess es. Dabei verhielten sich die Blick-Macher doch nur wie immer. Gemäss dem angelsächsischen Boulevard-Prinzip «If it bleeds, it leads» bringt man auf der Titelseite beinahe ausschliesslich Blut und Schrecken. Dies hat selbst Verleger Michael Ringier bemängelt. Bei einer internen Blattkritik meinte er: «Wenn in 600 Jahren Ausserirdische zur Erde kommen sollten und dort nur Blick-Exemplare vorfinden würden, müssten sie annehmen, dass in der Schweiz damals völliges Chaos geherrscht habe.»

Aber so funktioniert er eben, der deutsche und englische Boulevard. Und den haben wir nun. Besonders stossend waren für mich in diesem Fall nicht alleine die Bilder der Kinder. Bei einem Ereignis, über das alle Medien grossflächig berichten, geht ein knallharter Boulevardblatt-Macher immer einige Schritte weiter – und dies ohne Rücksicht auf moralische Verluste. Schlimmer war für mich die gewaltige Sülze, mit der man Betroffenheit heuchelte, obwohl man sich ja Tag für Tag vom Unglück der Menschen ernährt. Eine weitere Form der Anbiederung findet sich dort, wo der deutsche Chefredaktor in einem Kommentar jubelt, dass «wir» im Fussball gesiegt haben. Als Sat.1-Chef wäre mir ein solch unappetitliches Ranschmeissen nie eingefallen. Zwar hatte ich als Schweizer zu entscheiden, welche Champions-League-Partie mit deutscher Besetzung im TV zu sehen sein werde. Aber gewisse Grenzen überschritt ich nie. Wenn Deutschland spielte, so waren es eben die Deutschen und nicht «wir».

Erst als meine Familie nach Berlin kam und ich nicht mehr jedes Wochenende nach Zürich pendelte, konnte ich die für einen Journalisten und Manager notwendigen sozialen Kontakte knüpfen. Dies ermöglichte es mir auch, die Mentalität der Deutschen besser zu erfassen. Bei den Hors-sol-Blick-Chefs besteht ein solches Bedürfnis offenbar nicht, und deshalb sind sie in der «Sex and Crime»-Falle gefangen, für die sie weder politische noch gesellschaftliche Kenntnisse, noch ein eigenes Network brauchen. Das Desinteresse an unserem Land manifestiert sich zusätzlich an der Sprache, die die ehemaligen Bild-Leute verwenden. Dabei sind sie laut den Ringier-Sprechern deshalb eingeflogen worden, weil sie eben viel, viel besser schreiben als wir Schweizer. So wurde der Abgang von Joe Ackermann bei der Deutschen Bank mit der hämischen Schlagzeile begleitet: «Joe, mach dich vom Acker». «Sich vom Acker machen» ist in Deutschland gebräuchliche Gassensprache, bei uns ist der Ausdruck unbekannt, genau wie das oft im Blick verwendete «blank ziehen» (ausziehen). Am 9. Februar fand sich als Aufmacher auf der letzten Seite die Zeile «Katie Price breit wie Buddha». In Deutschland ist «breit» ein Slang-Synonym für total besoffen, bei uns ist dieser Ausdruck absolut unverständlich. Verblüffend dabei ist nicht nur, dass der Chef aus seinem Bild-Sprachfundus gedankenlos eine der dort gängigen Formulierungen hervorkramte. Erschreckend ist hingegen, dass ihn keiner seiner Schweizer Mitarbeiter auf seinen Missgriff aufmerksam machte. Man kann nur rätseln, ob es schlicht niemanden kümmerte oder sich keiner getraute, dem Big Boss zu widersprechen. Auf jeden Fall belegt all dies, dass der aktuelle Blick mehr Probleme hat als das stillose Abdrucken von Bildern toter Kinder, die man aus dem Internet geklaut hat.

Roger Schawinski
Dienstag, 17. April 2012 um 10:49 Uhr

Osterappell für die Werber

Matthias Ackeret

So viel Zustimmung gibt es für die Herrschenden sonst nur in Nordkorea. Eine soeben publizierte Readers-Digest-Studie zeigt: Über die Hälfte der Schweizer hat in den Bundesrat «starkes Vertrauen». Damit erreicht unsere Regierung doppelt so viel Anerkennung wie diejenigen anderer europäischer Länder. Und selbst Roger Schawinski, seit dem Pizzo Groppera kampferprobt gegen die Obrigkeit, übte sich in der letzten «SonntagsZeitung» in den Superlativen: «Der beste Bundesrat seit langem.» So weit, so gut. Viel erschreckender sind die letzten Plätze der Readers-Digest-Studie. Weit abgeschlagen findet sich am andern Ende – und dies wohl hinter den Autolobbyisten, Journalisten, Metzgern, Jägern, Autorasern, SVP und den unvermeidlichen Bankern – die Werbebranche. Im Gleichtakt mit der Europäischen Union, was in heutigen Zeiten auch kein Trost mehr ist. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Der Schweizer vertraut zwar Widmer-Schlumpf und Schneider-Ammann, unsere Werbe-Ikonen aber haben jeglichen Bonus verspielt. Höchstwahrscheinlich erreichen nur Pädophile und die Camorra noch weniger Zustimmung.

Das sind nicht die Ostergeschenke, die man mag. Zumal 20’000 Schweizer ihr Geld dank der Werbung verdienen. Rund 3’000 Agenturen überziehen das ganze Land. Allein im letzten Jahr wurden fast 5 Milliarden Franken für Werbung ausgegeben. Doch gerade die lautstarke Kritik am grellroten Zürcher Sunrise-Tram zeigt, wie wenig Verständnis die Schweizer für Werbeaktionismus haben. Die wortlose Zustimmung der Bevölkerung zu den Werbebeschränkungen für Alkohol oder Zigaretten tut den Rest. Die Werbebranche kann zwar vieles, aber keine Werbung für sich selbst. Begünstigt wird dieser Umstand durch die hohe Anzahl banaler und auch mutloser Kampagnen. Zwar hat der Verband der Schweizer Werbung mit dem Tessiner Ständerat Fillipo Lombardi einen eigenen Lobbyisten in Bern installiert, doch seine Mission ist schwierig. Ohne Werbung, so der lautstarke Appell dieser Kolumne, würde vieles unendlich teurer: das Tramfahren in Zürich, der Fernsehkonsum, aber auch die Sonntagslektüre. Also: Beachten Sie die abgedruckten Inserate! Mehr noch: Verzehren Sie sie wie Ostereier! Oder wollen Sie am Ende wirklich nordkoreanische Verhältnisse? Eine geliebte Regierung – und rundherum alles werbefrei.

Matthias Ackeret
Montag, 9. April 2012 um 20:29 Uhr

Jenseits des Röstigrabens

Benedikt Weibel

Die Weltwoche hat auf ihre gewohnt subtile Art über die Romandie berichtet. «Man kann noch so lange suchen und sich durch Zahlen, Statistiken und Tabellen wühlen – eine Studie, bei der die Romands besser abschneiden als die Deutschschweizer, existiert nicht.» Viel Recherche braucht es nicht, um diese Aussage zu kontern. Mit 22 Prozent tragen die welschen Kantone substanziell zum Finanzausgleich bei. Aber nur 19 Prozent des Finanzausgleichs gehen in die Romandie. Erhellend auch die Indikatoren über die Dynamik des wirtschaftlichen Wachstums: Jura, Waadt und Genf sind seit 1998 überdurchschnittlich gewachsen.

Wenigstens sprechen wir wieder einmal über die Romandie. Die Vorgänge in der Westschweiz werden nämlich nicht tabuisiert, sondern schlicht nicht wahrgenommen. Kürzlich war ich an einem Anlass in der Romandie. Einer der Vizepräsidenten der ETH Lausanne hat über die Entwicklung der Hochschule gesprochen. Da kamen ein Selbstvertrauen und eine Dynamik zum Ausdruck, wie ich es noch nie von einer Hochschule in der Deutschschweiz erlebt habe. Die Philosophie des Campus, die Architektur, die Zukunftsprojekte, alles ist kühn. Die Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen im Bassin Lémanique und eine enge Verflechtung mit der Industrie sind Selbstverständlichkeiten. Es sei der EPFL gar gelungen, den Stellenwert der technischen Berufe wieder aufzuwerten. Wenn ich das mit der verkrampften Diskussion über die akademische Freiheit in der Deutschschweiz vergleiche, sind das andere Welten. Seit 2000 wird die EPFL von Patrick Aebischer geführt. Selbst in der Suisse allemande ist er der bekannteste Präsident einer Hochschule. Im weltweiten Ranking der Hochschulen von Times Higher Education ist die Westschweiz überproportional vertreten: Auf den ersten 150 Plätzen befinden sich vier Institute aus der Deutschschweiz und drei aus der Westschweiz. Es gibt noch einen Punkt, in dem sich die Weltwoche irrt. Die Romandie hat sich von der Deutschschweiz emanzipiert. Am Anfang stand der Entscheid der Swissair, den Flughafen Genf Cointrin aufzugeben. Das führte zu einem riesigen Aufschrei. Man gefiel sich in der bequemen Opferrolle und zelebrierte das Feindbild Zürich. Rasch aber besann man sich eines Besseren. Als Erstes nahm der Flughafen seine Chance wahr und öffnete seine Gates für andere Airlines. Seit 1998 verdoppelte der Flughafen seine Passagierzahlen. Im gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Passagiere im Flughafen Zürich nur um einen Viertel zu.

Als Bahnchef hatte ich den Eindruck, dass es in der Schweiz nur Zürich und die Peripherie gibt. Die Ostschweizer pflegen das Bild, dass die Schweiz in Winterthur aufhört, und bedauern sich sehr. In der Suisse romande aber hat sich Selbstmitleid in Selbstbewusstsein gewandelt. Die EPFL setzt zum nächsten Coup an. Sie entwickelt einen «kosmischen Altpapiersammler», der den gefährlichen Weltraumschrott einsammeln soll. Diese Nachricht wurde sogar in der Deutschschweiz verbreitet.

Benedikt Weibel
Mittwoch, 4. April 2012 um 06:15 Uhr

Edelfedern: “Wenig recherchieren, Ornamente und Schwurbel”

Roger Schawinski

Sie sind die Zierde jeder Redaktion – und sie wissen es haargenau. Denn nur ganz selten
taucht in der Journalisten-Heerschar jemand auf, der das Talent zur aussergewöhnlichen
Schreibe hat. Seine Artikel fallen auf, da diese Storys so ganz anders sind als die Vielzahl der schmucklos hingeworfenen Stücke. Edelfedern liest man nicht in erster Linie wegen der Inhalte, sondern wegen ihrer kunstvollen Form. Und damit sind wir beim Problem. Denn irgendwie kommen die beiden Dinge nie recht zusammen. So sind akribisch recherchierende Journalisten selten Meister der Sprache. Umgekehrt widmen sich die Edelfedern vor allem ihren Formulierungen, weil sie sich damit auszeichnen wollen. Wie aber gelangt man zu journalistischen Bestleistungen? Die Washington Post hat das Problem nicht nur erkannt, sondern begann vor einiger Zeit mit einem interessanten Experiment. Man schuf dort einen Pool von Edelfedern und Toprechercheuren und erhofft sich so eine neue Spitzenqualität.

In der Schweiz war Niklaus Meienberg die schweizerische Edelfeder par excellence. Das war ihm bewusst, und deshalb pochte er penetrant auf seinen Edelfeder-Sonderstatus. Korrekturen an seinen Meisterwerken durch irgendeinen weniger sprachmächtigen Redaktor quittierte er jeweils mit Zornesausbrüchen. Auch Margrit Sprecher, während Jahrzehnten gehätschelte Edelfeder bei der Weltwoche, lieferte wunderbar komponierte Artikel ab, deren Fehlerquoten meist im kaum mehr tolerierbaren Bereich lagen. Aber das tat ihrem Ruf bei Chefredaktoren und Preiskomitees keinen Abbruch. Geblendet von der Macht der Formulierungen sanken diese Sprachfetischisten allesamt vor ihr in die Knie.

Tom Kummer kultivierte den Edelfeder-Status am exzessivsten. Unzufrieden mit den laschen Antworten der Hollywood-Prominenz veredelte er seine faden Aussagen mit eigenen Worten, bis er zur Effizienzsteigerung gar keine Interviews mehr führte. Die auf diese Weise entstandenen Texte lasen sich so hervorragend, dass die von der Brillanz der Sprache faszinierten Chefredaktoren lange keinen Versuch unternahmen, die Faktenlage infrage zu stellen. Oder wie sagt die korrupte Hauptfigur im Mafia-Epos «Boardwalk Empire»: «Don’t let facts get in the way of a great story.»

Constantin Seibt vom Tages-Anzeiger ist heute die wohl meistgelesene Edelfeder des Landes. Mit einer gehörigen Portion Chuzpe erläuterte er sein journalistisches Prinzip bei der Wahl der Schweizer Journalisten des Jahres: «Wenig recherchieren, wenig schreiben, Ornamente und Schwurbel». War das etwa gar ein Geständnis und damit mehr als eine locker hingeworfene Provokation? Jedenfalls zeichnen sich die Texte von Seibt damit aus, dass er sich oft journalistischer Quellen bedient, die er nicht benennt, sondern als eigene Recherchen präsentiert. Und in einem Ganzseiter zum Thema Bankenmoral zitierte er vor einiger Zeit einen anonymen Banker mit einer Vielzahl von witzigen, gescheiten und hintergründigen Einsichten, wie sie noch kein anderer Schweizer Journalist von einem namentlich vorgestellten Banker vorzeigen konnte. Diese anonymen Zitate waren so gut, dass sie beinahe an die geschliffenen Interviewantworten in einem Tom-Kummer-Text heranreichten. Sie veredelten einen Edelfedertext, der sich als geistreiches, elegant komponiertes Kunstwerk las. Und dank Seibts Geständnisses weiss man nun zusätzlich, wie das Ganze wohl zu deuten ist. Und ein Risiko, dass jemand klagen könnte, man habe ihn falsch zitiert, besteht in einem solchen Fall wohl
auch keines.

Roger Schawinski
Donnerstag, 15. März 2012 um 13:35 Uhr

Plädoyer für Beni

Matthias Ackeret

Putin bleibt und Beni geht. Ist das gerecht? Für den Zweitgenannten jedenfalls nicht. Beni Turnheer hätte – und da widersprech ich wohl den meisten Kritikern – einen besseren Abgang verdient. Es mag stimmen, dass die Quoten von „Benissimo” im Sinkflug sind (bei welcher Sendung nicht?), das Konzept überholt und die Lebensdauer von 20 Jahren jegliche TV-Norm überschritten hat. Doch Unsterblichkeit entsteht auch durch Konstanz: „Wetten dass…“ ist noch älter, der „Samschtig-Jass“ sowieso und der französische Startalker Michel Drucker parliert seit bald vierzig Jahren wöchentlich auf seinem roten Sofa in unmittelbarer Nähe der Champs-Elysees.
Die Programmverantwortlichen des Schweizer Fernsehens wollen nicht begreifen, dass Beni Turnheer einer der letzten grossen Stars des Leutschenbachs ist. Ganz in der Tradition von Heidi Abel, Mäni Weber und Kurt Felix. Mit dem Tod von „Benissimo“ stirbt auch eine ganze TV-Epoche, Beni war das Sinnbild für das Schweizer Fernsehen: manchmal schwerfällig, manchmal genial, aber immer schweizerisch.

Natürlich hätte man einem Beni niemals künden dürfen. Die Vorstellung wie er von Unterhaltungschef Christoph Gebel den blauen Brief bekommt oder zum Abschiedsgespräch geladen wird, befremdet. Einer wie Beni müsste seinen Abgang selbst verkünden: Als Paukenschlag. Das wäre der zweitschlechteste Fall, aber zumindest stilvoll. Umgeben von seinen Freunden Tina Turner, Robbie Williams oder Udo Jürgens. Stars, die allesamt in seiner Sendung aufgetreten sind. Sandra Studer hat beim „Schweizer des Jahres“ vorexerziert, wie man seinen Abschied zelebriert. „Der perfekte Abgang ist Teil jeder Show“, lehrt Altmeister Kurt Felix. Diese Möglichkeit hat das Schweizer Fernsehen dem „Plauderi der Nation“ nun genommen. Ohne Beni wird es am Leutschenbach definitiv matter.

Matthias Ackeret
Montag, 12. März 2012 um 10:27 Uhr

Trend im modernen Newssendungsdesign

Edith Hollenstein

Die neuen Opener des Schweizer Fernsehens sind nicht wirklich emotional: Personen oder Themenbilder, die auf den Inhalt der Sendung hinweisen, fehlen vollständig. Der stetige Wandel hin zu Abstraktem ist in den seit Mittwoch verwendeten Signeten deutlich sichtbar. Während etwa im Tagesschau-Opener, der zwischen 1996 und 2006 allabendlich die führende Sendung des Schweizer Fernsehens eröffnete, Themenbilder zu Finanzen, Katastrophen oder Energie zu sehen waren, wurden diese bereits mit dem Opener 2006 durch Sachlicheres ersetzt: An die Stelle von Bildern traten Schlagworte wie Partei- oder Städtenamen, die sich – zwar kaum lesbar – kreisförmig angeordnet durch den Raum bewegen (vgl. persoenlich.com).

Mit den seit Mittwoch gezeigten, neuen Signeten geht SRF den Weg weiter, hin zu mehr Sachlichkeit, Kürze und Straffheit. Das neue Logo setzt konsequent auf Corporate Identity, auf die Farben Rot und Weiss. SRF verzichtet sogar auf die typische News-Farbe Blau. „Ein gewagter Entscheid“, wie etwa der ehemalige SRF-Creative-Director Marco Fumasoli sagt.

Doch die im Raum schwebende, sich in raschem Tempo zusammensetzende, rote Weltkugel scheint einem Trend im modernen Newssendungsdesign zu entsprechen. So verwendet auch britische Rundfunkanstalt BBC ähnliche Elemente und setzt dabei ebenfalls auf extreme Kürze:

In der Diskussion um die neuen SRF-Signete stellt sich die Frage, warum die Verantwortlichen keinen umfassenderen Wechsel anstrebten. Warum wurde die alte Musik noch einmal verwendet? Ein Beispiel, wie eine radikalere Änderung hätte aussehen können, liefert das ZDF-”Heute Journal”. Das Signet der deutschen Newssendung wird immer wieder als “State-of-the-Art”-Beispiel genannt. Auch hier erhält die Weltkugel einen prominenten Platz. Besonders auffällig: Der sehr grosszügige Raum wird vollständig ausgenutzt, der Tiefeneindruck durch die animierten Linien verstärkt. Die Musik fällt dezent aus. Ausgeprägt ist die Betonung des Sekundenrhythmus, welche beim Zuschauer ein Gefühl von gespannter Erwartung auf die Sendung erzeugt. Als Symbol für Aktualität und Dynamik werden ausgewählte Tickernachrichten und die Schlagzeilen der Sendung eingeblendet. Dabei sind bereits im Opener die Moderatoren zu sehen. Dieser geschickt gelöste Einbezug der “Tagesschau”-Identifikationsfiguren bewirkt, dass der Schnitt zur Moderation fliessend ausfällt.

Zurück zur Frage: Warum fällt das Redesign bei SRF so bescheiden aus? Wahrscheinlich hat man gegen einen radikalen Wechsel entschieden, weil die Verantwortlichen nicht den Eindruck von Protzerei erwecken wollten. Dies ist nach Ansicht von Design-Experte Marco Fumasoli auch gelungen. Im Gegenteil: Er sieht dem neuen SRF-Signet an, dass beim Unternehmen “ein gewisser Spardruck, der vorzuherrschen scheint”.

Edith Hollenstein
Donnerstag, 1. März 2012 um 10:42 Uhr