Der Berg als Werbefläche

Marcus Knill

Grossflächtig leuchtete nachts an der Jungfrauwand ein Schweizerkreuz. Der Lichtkünstler Gerry Hofstetter hatte es an die Nordflanke der Jungfrau projiziert. Nun ist  auch das Logo des Pharmamultis Bayer zu sehen. Auch die
Uhrenmarke Tissot und die Bekleidungsfirma Mammut liessen jetzt ihr Logo am Berg  erleuchten.

Das Ganze war als besonderes Projekt zum 100-Jahre-Jubiläum der Jungfraubahnen gedacht. Die Werbung stiess vielen sauer auf. “Das ist der Gipfel” war zu hören bis: “Ein Berg ist doch kein Werbeobjekt!”

Folgende Frage scheint mir berechtigt: Dürfen im Jungfrau-Aletsch-Gebiet ­ (übrigens ein Unesco-Welterbe)
­ die Berge als Werbefläche missbraucht werden?

Die Sprecherin der Stiftung Landschaftsschutz sagte gegenüber dem “Bund”: “Es tut weh zu sehen, wie multinationale Konzerne die grandiose Berglandschaft zur Werbeleinwand degradieren.”

Auch 18 Heliflüge, die notwendig waren,  um die Ausrüstung für die Lichtinstallation auf den Berg zu bringen, wurden kritisiert:  “Diese Lärmbelästigung hätte vermieden werden können”.

Künstler Gerry Hofstetter verteidigt sich: Im Fussball oder Eishockey wären die Sponsoren und die Werbung viel präsenter.

Mein Eindruck: Dass so ein Event nicht ohne Sponsoring möglich ist, leuchtet ein. Doch müssten solche Aktionen nur mit einer Sonderbewilligung möglich sein. Wenn nicht, besteht tatsächlich die Gefahr, dass die Berge zu
Werbeflächen verkommen könnten. Die Werbeflächen bei Sportveranstaltungen können übrigens nicht mit dieser Aktion verglichen werden. Werbung ja, aber in geregeltem Rahmen.

Marcus Knill
Freitag, 20. Januar 2012 um 15:16 Uhr

Der wahre „Schweizer des Jahres“

Matthias Ackeret

Es gibt Heilige, Ganz-Heilige und Philipp Hildebrand. Nur wenige Tage nach seinem erzwungenen Abgang erlebt der ehemalige Spitzenschwimmer eine wundersame Metamophorse: er kann laufen: Aber diesmal übers Wasser. Seine schöne Frau präzisierte via Schweizer Fernsehen: „Blocher hat das Geld, wir Gott.“ Präziser ausgedrückt: “Und die Medien”. Gefallene Engel bleiben Engel und die Weltwoche die Weltwoche. Wäre die Anmeldefrist nicht abgelaufen, man hätte Hildebrand gestern zum neuen „Schweizer des Jahres“ gekürt.Es gibt Dinge, die so unverzeihlich sind, dass sie gegen jeglichen Moralbegriff verstossen: beispielsweise, wenn ein Nationalbanker private Devisengeschäfte macht und der frischgekürte „Journalist des Jahres,“ Urs Paul Engeler, in zugegebenermassen leicht überhitzter Tonalität, darüber berichtet. Dass  der Thurgauer „Ich-seich-grad-i d’Hose“-Anwalt Hermann Lei  die Reinkernation des Bösen informierte, worauf dieser zur damaligen Bundespräsidentin – eine Linke notabene – rannte, stört den Frieden. Dass das Köppel-Blatt in dieser Causa überhaupt recherchierte, grenzt an Landesverrat. Jetzt hagelt es Klagen, höhnte Tagesanzeiger.ch. gegen die Weltwoche.

Fazit nach 14 Tagen „Hildebrand-Affäre:“ Sieger ist nur dessen Kommunikations-Berater. Zwei sorgsam inszenierte Auftritte vor der versammelten Schweizer Presse, eine halbherzige Entschuldigung in bester Clooney-Manier liessen eklatante Widersprüche überhören und die anwesenden Journalisten vollends verstummen. Dass der ehemalige
Nationalbanker, Jean-Pierre Roth, in einem Interview der welschen Zeitung „Le Temps“ Hildebrands Rücktritt als unausweichlich betrachtete, wurde in der Deutsschweizer Presse ignoriert.

Karrierechancen öffnen sich dem Gestrauchelten viele. Vielleicht als Chef eines Schweizer Verlagshauses: Auch Tamedia-Chef Pietro Supino und dessen Berufskollege von der NZZ, Konrad Hummler, kennen das Minenfeld der Finanzwelt. Aus eigener Erfahrung.
Matthias Ackeret
Montag, 16. Januar 2012 um 06:37 Uhr

Mit Schaum vor dem Mund in den rechtsfreien Raum

René Zeyer

Roger Köppel mal wieder in seiner Lieblingsrolle: ein als Biedermann verkleideter Brandstifter. Die Attacke auf Philipp Hildebrand könnte aber zum Rohrkrepierer werden.

Halten wir mal kurz die Fakten fest. Nationalbankpräsident Hildebrand hat, wenn man gestohlenen Bankunterlagen glauben darf, Franken in Dollar gewechselt und umgekehrt, dazu Börsengeschäfte getätigt. Das ist weder strafbar noch scheint es, laut mehreren Untersuchungen, gegen Reglemente zu verstossen. Hildebrand ist Banker, die dealen und spekulieren gerne. Das ist ihr Naturell. Ob es in seiner Position unsensibel, anrüchig oder ungeschickt ist, das ist eine andere Frage. Er wird sich heute dazu erklären. Bis zu einer allfälligen Verurteilung gilt zudem die Unschuldsvermutung.

Das sieht das ehemalige Weltblatt «Weltwoche» aber entschieden anders. «Philipp Hildebrand betreibt Insider-Geschäfte», weiss es schon auf dem Titel. Und falls da noch Zweifel bleiben sollten, geifert ein im roten Bereich drehender Journalist: «Der vielgerühmte und auffällig geschniegelte Herr Hildebrand selbst entpuppt sich als Gauner, der sich illegal Vorteile erschleicht.» Der Vorwurf des Betreibens von Insider-Geschäften ist ein Straftatbestand, den bislang unbescholtenen Nationalbankpräsidenten als Gauner zu bezeichnen, ebenfalls.

Aber eigentlich ist es, wenn man der «Weltwoche» glauben darf, was man aber besser nicht tun sollte, noch viel schlimmer. Die Schweiz steht vor dem Abgrund, die Institutionen versagen, nicht nur der SNB-Präsident ist ein ganz schlimmer Finger. Zitieren wir noch ein letztes Mal den WeWo-Journalisten mit zuviel Schaum vor dem Mund: « … die Bundesrätinnen Eveline Widmer-Schlumpf (BDP), Doris Leuthard (CVP) und Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP) sind Teile einer eigentlichen Staatsaffäre – und ab sofort nicht mehr tragbar.» Um Himmels willen, wir dürfen also noch diese Woche den Rücktritt von Hildebrand und von drei Bundesräten erwarten, plus die Auflösung der Revisionsfirma PwC, dazu wird der Bankrat zum Teufel gejagt und der Chef der Finanzkontrolle tritt auch noch zurück, sozusagen als Kollateralschäden.

Ist es nicht heuchlerisch, die illegal erworbenen Informationen eines Denunzianten zu benützen, der sich weder an bankinterne Stellen noch direkt an die Strafbehörden oder an die Öffentlichkeit, sondern zufällig an den Exponenten einer Partei wendet, die damit gleich zum Sturmangriff auf angeblich versagende Institutionen bläst? Und: Glaubt Roger Köppel wirklich, mit Persönlichkeitsverletzungen, hysterischen Forderungen nach Massenrücktritten und der Verwendung von unter Bruch des von ihm verteidigten Bankgeheimnisses kriminell erlangten Unterlagen einen Beitrag zur Verbesserung der Schweiz zu leisten? Sein fragwürdiges Verständnis des Rechtsstaats bringt er selber unfreiwillig auf den Punkt: «Es liegt im Sinne des Rechtsstaats, das Recht zu verletzen, wenn schlimmere Verfehlungen unterbunden werden können.» Genau diese Mentalität will Platz für den übergesetzlichen Notstand, also Willkür und rechtsfreie Räume, in denen ein als Biedermann verkleideter Brandstifter selbst Ankläger, Richter und Terminator sein kann. Für ihn heiligt der politische Zweck wohl alle rechtswidrigen Mittel. Da wird ihn der durchaus funktionierende Schweizer Rechtsstaat in die Schranken weisen müssen.

René Zeyer
Donnerstag, 5. Januar 2012 um 09:36 Uhr

Die Fundis aus dem Kulturressort

Roger Schawinski

Seit fünfzig Jahren ist Bob Dylan die grösste Ikone der Popgeschichte. Er hat mehr als 700 Songs geschaffen, viele von ihnen gehören zu den besten aller Zeiten. Auch mit seiner «Never Ending Tour» setzte er sich von allen anderen seiner Zunft ab. Doch dann entstand ein kleineres Problem: «His Bobness» verlor nach und nach seine Stimme. Lange Zeit ging das irgendwie gut. Doch bei seinem jüngsten Zürcher Konzert stiess er bloss noch ein raues, hektisches, unkontrolliertes Bellen hervor, das für die Ohren der meisten Zuhörer unerträglich war, weshalb viele von ihnen schon frühzeitig und fluchtartig das Hallenstadion verliessen.

Wie aber wurde in der Presse über dieses bestürzende Ereignis berichtet? Im Tages-Anzeiger konzedierte Christoph Fellmann gleich zu Beginn seines Artikels: «Diese Stimme, die keineswegs so klingt, als komme sie aus einem Grab. Sondern wie das Grab selbst. Tief, hohl und furchterregend nah.» Was nun auf diese Beschreibung folgte, war keine Betrachtung darüber, ob dies eher eine Zumutung für die Zuschauer oder die unerträgliche Selbstdemontage eines grandiosen Künstlers war. So eine Schlussfolgerung ist für jemanden gar nicht vorstellbar, der für sich und für alle Zeiten beschlossen hat, dass Bob Dylan Gott ist, da er sich vor seiner Zunft nicht der Gotteslästerung schuldig machen möchte. Was also tut er in einer solch heiklen Situation? Erstens zermalmt er Mark Knopfler, den Kopf von Dire Straits, der mit einer grossartigen Band im ersten Teil des Konzerts aufgetreten ist und der im Gegensatz zu Bob Dylan weiterhin im Vollbesitz seiner fantastischen stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten ist. Sein Auftritt wird deshalb als widerlicher musikalischer Brei abgetan. Damit verringert man schon mal die Fallhöhe zum grossen Idol. Und in der Verzweiflung greift man zum allerletzten Mittel: zur Publikumsbeschimpfung. So schreibt Manfred Papst in der NZZ am Sonntag über die sich entrüstenden Zuhörer: «Ich muss gestehen, dass meine ohnehin schon euphorische Stimmung mit jedem Abgang noch wuchs. Zum einen packte mich die Musik. Zum anderen freute es mich, dass Bob Dylan es immer wieder schafft, die Spiesser zu schockieren … die ihrer Bratwurst zustrebten.»

Was lernen wir daraus? Journalisten, die einem Gott huldigen, sind absolut unbrauchbare Zeugen. Wie alle Fundis machen sie alle Ungläubigen platt. Sollten sie diese elitären Ansichten in ihrem privaten Umfeld verbreiten, so sei ihnen das unbenommen. Wenn sie aber als Berichterstatter für die wichtigsten Zeitungen unseres Landes unterwegs sind, betreiben sie eine unerträgliche Desinformation.

Auch ich bin lebenslanger Fan von Bob Dylan und habe viele seiner Konzerte besucht. Aber nach etwa sechs Stücken musste ich den Saal verlassen, und dies nicht in erster Linie, weil ich Bob Dylans Stimme für meine Sinne als schmerzhaft empfand. Schlimmer war für mich, wie sich das Idol meiner Jugend vor meinen Augen öffentlich erniedrigte. Auf dem Weg zum Ausgang traf ich auf Polo Hofer, auch er ein eingeschworener Dylan-Fan, der mit einigen Coverversionen seinem Idol Tribut gezollt hatte. Er sass vor einem Glas Rotwein und wirkte total erschüttert. «Das ist wirklich ein Jammer», meinte er traurig, «schade, schade.» Und beim Weggehen sagte er noch: «Keine Angst, Roger, bei mir wirst du es nicht erleben, dass ich mich einmal so auf der Bühne präsentieren werde.» Weil Polo eben klug ist, weiss er, dass er von denselben Musikkritikern bei einem ähnlichen Gekrächze in der Luft zerrissen würde. Denn im Gegensatz zu Bob Dylan ist er bloss ein Mensch. Und bei Menschen setzt – anders als bei Göttern – selbst das Urteilsvermögen der arrogantesten Musikkritiker nicht vollständig aus.

Roger Schawinski
Montag, 19. Dezember 2011 um 15:20 Uhr

Switzerlands next Top Politician

Roger Schawinski

Das Szenario war gewaltiger denn je, weil die unter neuer Leitung operierende SRG ihr Meisterstuck abliefern wollte. Alles sollte grosser, besser und eindrücklicher werden als je zuvor. Unter dem Kampfruf Relevanz wurden während Wochen zum sichtbarsten Ort des Landes – dem Bundesplatz – Wagenladungen von Politikern hin gekarrt. Zudem wurde Publikum angelockt und unbeschreiblich viel Sendezeit gefüllt, um sich mit dem maximalen Einsatz von Mitteln und einem Höchstmass an Ernsthaftigkeit dem angeblichen Megathema Eidgenössische Wahlen zu widmen. Die Bilanz dieser aufwendigen Polit-Casting-Show-Serie ist jedoch ernüchternd. Alle Ziele wurden meilenweit verfehlt – und dies hat mehrere Gründe.

Das gigantische Projekt wurde in Funk und Fernsehen in nur wenige Wochen gepresst. Dann trat man im hochtourig gefahrenen Wahlbus kreischend auf die Bremsen. Denn gemäss gültiger SRG-Regelung darf in den letzten Vorwahl-Wochen keine einzige der zuvor im Übermass angelieferten Personen, falls sie auf irgendeiner der unzähligen Wahllisten aufgeführt ist, auf dem Bildschirm erscheinen, selbst wenn sie sich zu einem ganz anderen Thema äussern wurde. Das Argument hinter dieser seltsamen Regel lautet, dass jeder Auftritt eine automatische Werbemoglichkeit darstelle, und die soll in der letzten, offenbar besonders heissen Phase verunmöglicht werden. Welches journalistische Selbstverständnis steckt aber hinter einer solchen Annahme? Sollte es nicht Aufgabe des nationalen Fernsehens sein, Politiker gerade dann zu hinterfragen, damit der Zuschauer/Wahler vor seiner Entscheidung möglichst umfassend informiert ist? Und was bietet sich da besser an als kritische Interviews, ausführliche Porträts und kontradiktorische Diskussionen? Nur wer davon ausgeht, dass jeder TV-Auftritt eine automatische Gratiswerbung darstellt, kommt zu einem anderen Schluss. Vielleicht wäre es deshalb sinnvoll, wenn man bei der SRG analysieren wurde, welche Sendgefässe von Politikern für reine Werbezwecke missbraucht werden, etwa die Kurzauftritte von Politiknovizen aus der dritten Reihe der Arena. Die sollte man grundsätzlich in Frage stellen – und dies nicht nur einige Wochen vor dem Wahltermin.

Auch das Ziel der erhöhten Aufmerksamkeit wurde nicht erreicht. Die Bundesplatz-Diskussionen zur allerbesten Sendezeit erzielten je länger, desto tiefere Marktanteile. Am Schluss waren es gerade noch 11 Prozent für eine 20-Uhr-Sendung – eine eigentliche Ohrfeige der Zuschauer. Die hatten sich per Fernbedienung dagegen zur Wehr gesetzt, dass man ihre gelernten Sendeplätze, wie etwa den Dienstagskrimi, ohne Not durch eine Sendung ersetzte, die nicht aufgrund einer unaufschiebbaren Aktualität programmiert wurde. Darum war das Projekt Bundesplatz rein quantitativ wohl eher ein Beitrag zur weiteren Politikverdrossenheit als für das intendierte Gegenteil.

Was lernt man daraus? In einer immer vielfaltigeren und sich selbst regulierenden Medienlandschaft, mit vielen Onlineangeboten und sehr lebendigen Sonntagszeitungen, sollte die SRG mit ihrem weitgehenden nationalen Inlandmonopol die Haltung in Sachen Wahlvorberichterstattung auf den Prüfstand stellen. Dies betrifft sowohl die Programmierung als auch die Art der Sendungen. Und die Sendungs-Guillotine kurz vor der Ziellinie sollte ebenfalls in Frage gestellt werden. Mit ihr verursacht man eine kontraproduktive Hektik in den Wochen zuvor und überlasst ganz zum Schluss den anderen Medien und der knallharten Wahlwerbung mit einem Primat der Geldsacke-Parteien und -Kandidaten allein das Feld. Das wohlgemeinte Angebot der SRG hat zu suboptimalen Resultaten geführt. Doch wenn man die richtigen Analysen macht und die notwendigen Lehren zieht, wird beim nächsten Mal alles viel, viel besser…

Roger Schawinski
Montag, 19. Dezember 2011 um 08:48 Uhr

Bundesräte, Uhren her!

Reto Salimbeni

Jede dritte Person über 15 Jahren lädt in der Schweiz Inhalte aus dem Internet herunter, ohne dafür zu bezahlen. Der Schaden für Komponisten, Musiker, Regisseure, Autoren, Plattenfirmen und Film-Verleiher ist enorm. Trotzdem sieht der Bundesrat keinen Bedarf das Urheberrecht anzupassen und gibt den Internet-Dieben nun sogar gesetzlichen Geleitschutz.

Letzte Woche hat der Bundesrat einen Bericht zur „unerlaubten Werknutzung über das Internet“ veröffentlicht. Darin kommt er zum Schluss, dass es nicht nötig sei, das schweizerische Urheberrecht anzupassen. Wer im Internet Dateien ohne zu bezahlen herunterlädt, macht sich somit auch weiterhin nicht strafbar. Selbst dann nicht, wenn das Material aus dubiosen Quellen stammt, also beispielsweise während einer Kinovorstellung heimlich aufgezeichnet wurde.

Das bedeutet, dass derjenige, der in einem Warenhaus eine CD oder DVD stiehlt, sich strafbar macht. Wer die CD oder DVD aber im Internet ohne zu bezahlen runterlädt, tut nichts Illegales! Sie sind verwirrt über diese Rechtsauffassung? Ich bin es, denn für ein gesundes Rechtsempfinden ist diese Schlussfolgerung unakzeptabel. Dieser Bericht verdeutlicht, wie realitätsfremd in Berner Amtsstuben, die anspruchsvolle, finanzielle Realität der schweizerischen Unterhaltungsbranche beurteilt wird.

Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass der Bundesrat als Basis für seinen Bericht, eine veraltete holländische Studie beizog. Darauf, eine empirische Untersuchung repräsentativ für die Schweiz auszuarbeiten, hat man verzichtet. Man stelle sich vor, man hätte zur Untersuchung der Schweizer Milchwirtschaft die holländischen Bauern beigezogen. Ein Sturm der Entrüstung wäre durch den Stände- und Nationalrat gezogen. Kein Bundesrat hätte sich das getraut, schon gar nicht im Wahljahr. Aber das Einkommen und Eigentum von ein paar Kulturschaffenden und Unterhaltungsfirmen betrifft nur eine lobbyfreie Minderheit, die bei den nächsten Wahlen nicht gross ins Gewicht fällt.

Meiner Ansicht nach liegt das Problem darin, dass in der Schweiz die Regierung Musik und Film nicht als Geschäft, sondern als eine Art Hobby betrachtet. Musiker und Filmer sind schräge Vögel, die von der Liebe der Fans und allenfalls stattlichen Subventionen leben. Wir sind ein Land der Banken, der Landwirtschaft und des Tourismus. Aber Unterhaltung? Der Bundesrat hat offenbar nicht begriffen, dass die Unterhaltungsbranche viele tausend Menschen in der Schweiz ernährt und diese entsprechend ernst genommen werden müssen. Diese Menschen zahlten alle auch brav ihre Steuern und haben ein Anrecht, dass ihre Werke vom Gesetz geschützt werden. Oft arbeiten sie auf Risiko jahrelang und ohne Bezahlung an ihren CDs und Filmen und stecken häufig eigenes Geld in ihre Produktionen, welche sich erst durch die Verkäufe refinanzieren lassen. Durch den illegalen Download entgehen Komponisten, Musikern, Regisseuren, Autoren und Verleihern aber diese wertvollen Einnahmen. Worin soll der Anreiz eines Kulturschaffenden liegen, überhaupt etwas herzustellen? Von der Liebe der Fans lassen sich keine Rechnungen bezahlen.

In der Schweiz gibt es eh schon zu viele Künstler, denen es an Eigeninitiative mangelt und die sich nur an den Subventions-Töpfen des Bundes bedienen. Anstatt den freien Markt zu fördern und Anreize zu schaffen, dass Künstler Produkte herstellen, die dann auch ein zahlendes Publikum finden, kastriert der BR eine der wichtigsten Einnahmequellen des Künstlers gleich selber und bringt sich dadurch auch um daraus resultierenden Steuereinnahmen. Eine ökonomische Loose-Loose-Situation!

Eine Konsequenz wird sein, dass sich Musiker auf anderem Wege die Einnahmen beschaffen müssen, beispielsweise durch überhöhte Ticketpreise oder durch Werbung auf ihren Produkten. Kultur darf von Kommerz gesponsert sein, jedoch muss die Trennlinie immer klar erkennbar bleiben. Falls diese in naher Zukunft verschwinden wird und grosse Firmenlogos in das Bühnendekor einer Rap-Band mit eingearbeitet werden, darf man sich nicht wundern und den Musikern keinen Vorwurf machen.

Das erzieherische Zeichen, das den vor allem jugendlichen Downloadern mit dem Bericht gegeben wird, ist nicht minder fatal: Es ist gesetzlich okay die Arbeit eines Menschen, aus dem Netz zu entwenden, ohne dafür zu bezahlen. Wie soll man von einem jugendlichen Konsumenten je ein Umdenken erwarten? Wenn er sich erst mal daran gewöhnt hat, dass etwas gratis ist, wird er seine Meinung nicht mehr ändern.

Gar zynisch wird der Bericht des Bundesrates in der seiner Schlussfolgerung, in der er festhält: „Auf das kulturelle Schaffen wirken sich die Downloads nicht nachteilig aus, denn das Geld, das die Internetnutzer beim kostenlosen Herunterladen sparen, gäben sie weiterhin für den Konsum im Unterhaltungsbereich aus. Das nationale Kulturschaffen werde nicht tangiert.“ In der logischen Konsequenz bedeutet dieser Entscheid folgendes: Wenn sie, zum Beispiel einem Bundesrat, die Uhr stehlen, ist das nicht kriminell, solange sie den Betrag, den sie für die Uhr bei einem Kauf hätten zahlen müssen, für eine neue Anschaffung, wie ein Paar Schuhe, ausgeben… Bundesräte, Uhren her!

Reto Salimbeni
Montag, 12. Dezember 2011 um 12:07 Uhr

Hoffnung für Schlachtferkel

Matthias Ackeret

Wird die Lage aussichtslos, so flüchtet man in Ironie. So auch beim Streit mit der SRG um die Online-Werbung. Sollten die Verleger, so warnte der Chef der Schaffhauser Nachrichten, Norbert Neininger, mit der SRG ein Joint-Venture eingehen, dürfe die Arbeitsteilung nicht so enden wie diejenige von Metzger und Schwein bei der Produktion von Speck. Damit gehört Neininger noch zu den Optimisten: Für viele seiner Branchenkollegen, wie NZZ-CEO Polo Stäheli oder Tamedia-Verleger Pietro Supino, ist eine Zusammenarbeit mit der SRG tabu. Dabei leben selbst Schlachtferkel nach der Devise, wonach die Hoffnung zuletzt stirbt.

Vorbei mit der Harmonie zwischen Verlegern und SRG, die dank Gebührenzahlungen an serbelnde Privatstationen noch wohliger wurde.
Bundesrätin Leuthards magistraler Appell zur Versöhnung konnte die erstarkte Verlegersolidarität überhaupt nicht schwächen. Im Gegenteil.  Mitte dieser Woche kündeten die Grossverlage NZZ, Ringier und Tamedia die Gründung einer gemeinsamen Online-Verkaufs-Firma an, die drei Viertel des Marktes abdeckt. Obwohl kartellrechtlich fraglich, ist es kaum jener Kompromissvorschlag, welches die Medienministerin an der Verlegertagung in Flims zum Jahresende eingefordert hatte. Weihnachtswunder sind selten geworden, Kampfansagen dafür häufiger.

Der strittige Werbekuchen betrage lediglich 30 Millionen Franken, höhnte Weltwoche-Medienspezialist Kurt W. Zimmermann. Was Zimmermann übersah: Mittlerweile geht es in diesem Konflikt weniger ums Geld, als ums Prinzip. Zu lange glaubten die Verleger, sie seien – um in der Neiningerschen Diktion zu bleiben – die Specklieferanten der SRG gewesen.

SRG-Generaldirektor Roger de Weck sieht sich zum Jahresende in der gleichen Rolle wie sein Nichtidol Christoph Blocher im Zürcher Ständeratswahlkampf: Alle gegen einen. Obwohl die Chance wächst, dass am Ende wieder einmal die SRG siegt. Mit Frau Leuthards Segen und ein bisschen Schwein.

Matthias Ackeret
Dienstag, 6. Dezember 2011 um 20:18 Uhr

Wofür man wahrgenommen werden will

Christine Loriol


“Walliser Lehrerin wird Post-Chefin”…das war gestern die Schlagzeile auf der Titelseite von “Blick am Abend”. In der Tagesschau hiess die Schlagzeile zum gleichen Thema: “Erfahrene IT- und Telekom-Managerin: Susanne Ruoff neue Chefin der Post”.

Was ist da passiert? Und warum regt es mich auf?

Susanne Ruoff ist 53, Ökonomin, hat British Telecom Schweiz geführt und zuvor bei IBM Karriere gemacht. Folgender Abschnitt auf tagesanzeiger.ch löst das Rätsel: “Die 53jährige Ökonomin machte zunächst die Lehrerausbildung, bevor sie Wirtschaft studierte und bei IBM aufstieg. Zuletzt war sie dort für Global Technology Services verantwortlich und Mitglied der Geschäftsleitung. Die letzten zweieinhalb Jahre war sie als Chefin der BT Switzerland Ltd. tätig, einer Tochter der British Telecom. Ruoff ist verheiratet und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sie wohnt seit 15 Jahren in Crans-Montana.” Offensichtlich ist das der Teil, der so im CV stand, das an der Pressekonferenz abgegeben wurde.

Es ist nicht nur der Journi von” Blick am Abend”, der – warum auch immer – aus Susanne Ruoff eine Lehrerin machte. Klar, das war ihre erste Ausbildung. Aber wenn diese Frau 53 ist, dann ist das Lehrersemi geschätzte 35 Jahre her… Dass der “BaA”-Journi das herausstrich, ist bösartig. Weil es den Status von Frau Ruoff angreift und sie in gewisser Weise abwertet. Die “Blick”-Zeile klingt, als hätte die Post diese Frau direkt aus dem Schulzimmer geholt – und das erst noch in einem Kaff im Wallis. Und es impliziert: “…dann kann sie das doch nicht können”.

Und das regt mich auf.

Natürlich ist es okay, Lehrerin zu sein und es ist toll, eine Karriere gemacht zu haben. Es gibt nichts zu verheimlichen. Aber: Es geht um die Wirkung. Es geht darum, wie und wofür man wahrgenommen werden will. Und das ist nun wiederum der Ball, den ich der Post bzw. Frau Ruoff zuwerfen will.

Man beginnt, wenn man sich präsentiert, auf der Zeitachse nicht von vorne (also im Gestern), sondern von hinten (also im Heute). Man sagt: Das ist, was ich kann. Das ist, was ich bin. Am Schluss kann man dann immer noch anfügen, wie der Weg war und woher man gekommen ist.

Das gilt für CVs, Pressedokumentationen, Präsentationen und auch Smalltalk oder Networking-Gespräche. Überlegen Sie sich: Was will ich, das bei meinem Gegenüber von mir in Erinnerung bleibt? Was will ich, dass jemand über mich weitererzählt? Dass ich vor 35 Jahren im Wallis das Lehrersemi gemacht habe? Oder dass ich in einem ziemlich anspruchsvollen Gebiet ziemlich viel geleistet habe?

PS. Falls jemand von Ihnen Frau Ruoff persönlich kennt oder mit ihr auf Linked-In oder so vernetzt ist: bitte leiten Sie doch mein Mail an sie weiter – inklusive meiner Glückwünsche zur Wahl!

PPS. Selbstverständlich gilt alles hier geschriebene auch für Männer. Aber soviel ich weiss, war nie davon die Rede, dass “Ossi Grübel” irgendwann mal das KV gemacht hatte. In so einem Fall heisst es dann: “…hat xy von der Pike auf gelernt”. Fair enough!

Christine Loriol
Mittwoch, 23. November 2011 um 14:19 Uhr

Thesen zum Kulturjournalismus

Rolf Huerzeler

Der Kulturjournalismus in den Tageszeitungen läuft Gefahr, sich selbst abzuschaffen, beziehungsweise überflüssig zu machen. Die Copy-Tests der Zeitungen belegen, dass die Leserschaft die klassischen Feuilleton-Geschichten überblättert. Deshalb vermischen zwar einzelne Zeitungen wie der «Tages-Anzeiger» oder das «St. Galler Tagblatt» den Kulturteil mit Lifestyle-Themen, beziehungsweise mit der lokalen Berichterstattung wie die «Berner Zeitung». Das ist zwar ein Fortschritt, weil die Kulturberichterstattung damit von der Etikette Feuilleton befreit ist. Dennoch bleiben Kulturartikel für die Leserschaft oftmals unverständlich.

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen

1) Die Kulturberichterstatter holen die Leserschaft nicht dort ab, wo sie sind, nämlich im Niemandsland. Das ist nicht despektierlich gemeint, denn die Leser haben oftmals keine Ahnung vom Thema eines Artikels: So wird bei Buchkritiken etwa vorausgesetzt, dass Leser das gesamte Werk eines Autors kennen. Oder Journalisten schreiben bei Ausstellungsbesprechungen über Bilder, die noch kaum jemand gesehen haben kann.

2) Die journalistische Kunstkritik kritisiert regelmässig nicht das, was Künstler, Regisseure, Musikinterpreten ezc. effektiv geschaffen haben, sondern das, was sie aus Sicht des Kritikers hätten tun müssen; die Berichterstatter monieren das, «was fehlt». Davon profitieren weder die Leser, noch die Kritisierten.

3) Kulturjournalisten orientieren sich gerne am Kanon des 20. Jahrhunderts, das heisst am klassischen Bildungsbürgertum. Und wenn sie es nicht, tun, dann tendieren sie dazu, das Wertesystem dieses Kanons auf moderne Kunstformen zu übertragen, zum Beispiel bei experimenteller Kunst,  aber auch bei der Popmusik.

4) Renommierte Kulturjournalisten sind in ein soziales Netz eingebunden, an dem sie sich orientieren. Das führt dazu, dass sie gerne für ihre Kollegen schreiben und darob die Leser vergessen. Das ist menschlich zwar nachvollziehbar, aber nicht sehr hilfreich.

5) Kulturjournalismus tendiert seit Jahren zum Unpolitischen. Die politische Dimension eines Kunstwerks oder Theaterstücks etwa wird übersehen, wenn sie denn nicht gerade manifest ist. Dahinter steht keine Absicht der Autoren, sondern Nachlässigkeit und allenfalls mangelndes politisches Bewusstsein.

6) Die Kulturberichterstattung liefert den Rezipienten zu wenig Nutzwert: Die Hemmschwelle der Bürger, Theater und Museen zu besuchen, beziehungsweise sich an unbekannte Bücher zu wagen oder etwas Neues zu hören wird, nicht gesenkt, sondern als gottgegeben akzeptiert – oder schlimmstenfalls durch Unverständlichkeit erhöht.

Rolf Hürzeler ist Redaktionsleiter bei saldo, dem Schweizer Konsumentenmagazin.

Rolf Huerzeler
Montag, 21. November 2011 um 20:51 Uhr

Freie Sicht

Edith Hollenstein

Ziemlich viel Staub hat die 2011er-Ausgabe des Jahrbuchs “Qualität der Medien” aufgewirbelt. Kurt Imhof wurde als Nervensäge betitelt, er betreibe „wissenschaftlichen Boulevard“ (newsnet-Chefredaktor Peter Wälty) und „Fehler machten seine Studie unbrauchbar“ (2omin.ch-Chefredaktor Hansi Voigt). Nachdem sich die dicke Luft langsam zu verziehen schien, meldeten sich auf medienspiegel.ch zwei Journalisten von NZZ Online mit einer substantiellen Auseinandersetzung zu Wort: Thom Nagy und Marc Böhler kritisierten Imhofs Untersuchungsanlage und seine – ihrer Ansicht nach – veralteten Untersuchungskriterien. Im Gegensatz zu den Tamedia-Chefs gelang es Nagy und Böhler eine konstruktive Debatte zu lancieren, die schliesslich seitens der Forscher zu zwei Einsichten führte: Zum einen sieht Imhof in der Anzahl Verlinkungen ein zusätzliches Qualitätskriterium für Onlinetexte, welches er bei künftigen Untersuchungen anwenden will. Zum anderen will er die Resonanz bestimmter Themen/Artikel in Social Media stärker berücksichtigen (vgl. Interview auf persoenlich.com). Wie diese Dimension am genausten erfasst werden kann, welche Kriterien und welche Tools dafür eingesetzt werden sollen, darüber müssen sich die Forscher vom Fög nun Gedanken machen.

Damit sollte nun der Blick wieder frei sein, so dass die Diskussion nicht nochmals weitere Kreise um die Methode drehen muss, sondern endlich die Ergebnisse im Zentrum stehen können. Es ist Zeit, nun die Studien-Resultate zu reflektieren. Denn diese sind sicherlich nicht ganz von der Hand zu weisen. Aufmerksame Medienkonsumenten müssen keine wissenschaftliche Forschung bemühen, um festzustellen, dass der Softnews-Anteil und die PR-Einflüsse bei Artikeln zunehmen oder Quellen nicht immer transparent angegeben werden. Was diese Ergebnisse und die Prognosen des Fög für die Medienbranche und für das Funktionieren der Demokratie bedeuten – mit diesen Fragen sollte man sich nun befassen. Denn, wie sagte Roger de Weck bei seinem Vortrag in Bern? “Wer in den Medien arbeitet und diese liebt, weiss nur zu gut, dass die Branche allen Grund hat, sich selbstkritisch über die eigene Arbeit zu beugen”.

Edith Hollenstein
Samstag, 19. November 2011 um 14:15 Uhr